Ich kam dann wieder in die Realität und sah ihn an. Sein Lächeln war inzwischen einem nachdenklichen Gesicht gewichen. Er kaute leicht auf seiner Unterlippe und sah mich ernst an. Das war noch besser als sein Lächeln, ich würde ihn am liebsten umarmen wenn er mich so ansieht. “Wann fliegst du eigentlich nach Hause?” Kam es plötzlich. Dachte er darüber eben nach? Sicher verschwand mein Lächeln dann auch so nach und nach.
“Morgen Mittag” Sagte ich leise und sah von ihm weg. Ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Die Stimmung hatte sich ziemlich geändert, die ausgelassene Heiterkeit wich einer leicht peinlichen Stille. “Ich ähm, bin gleich wieder da” Bevor ich die Möglichkeit hatte etwas zu sagen war er schon aufgestanden und verschwunden. Ein wenig perplex war ich schon weil er so plötzlich verschwunden ist. Es war mir ein bisschen unheimlich, ich weiss nicht wie ich das einordnen soll was hier gerade passiert. Hat er ein Problem damit das ich morgen nicht mehr hier bin? Ich hätte nicht wirklich geglaubt, dass er sich so darauf einlässt.
Er trifft doch ständig Menschen, da bleibt doch eigentlich kaum Zeit jemanden richtig kennen zu lernen daher wundert es mich das er jetzt so reagiert. Ja, ich fühlte mich ja geschmeichelt aber das nutzte jetzt auch nichts. Es wäre schon schwierig genug wenn er hier wohnen würde und nicht bekannt wäre aber so war es gleich ganz aussichtslos. Vielleicht steige ich mich auch eben in was rein und es ist alles ganz anders. Ich hätte nichts dagegen, wenn er ein bisschen mehr Interesse an mir zeigt aber vielleicht bilde ich mir auch genau das ein. Er hat ja nichts in der Richtung gesagt aber sein Blick sprach Bände. Ich glaube auch nicht, dass er noch etwas in der Richtung sagen wird. Das wollte ich auch gar nicht hören, es macht alles nur noch komplizierter.
Ein paar Minuten später kam Rafa wieder und setzte sich wieder auf die andere Seite. Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass er sich wieder neben mich setzt. Nachdem ich kurz auf meine Uhr gesehen hatte, sah ich ihn wieder an. Sein Lächeln war total verschwunden, fast könnte ich denken er sieht durch mich hindurch. Die angespannte Stimmung gefiel mir gar nicht, da fühlte ich mich zunehmend unwohl. Allmählich fragte ich mich schon ob es wirklich an mir liegt oder ob irgendwas anderes war weil er plötzlich so ernst war.
“Rafael?” Fragte ich vorsichtig. Er sah kurz auf sein Glas und dann wieder zu mir. “Mhh? Ich war nur kurz in Gedanken” Ich schnappte nach Luft und wusste nicht mehr was ich noch sagen soll. In einem Zug trank ich meinen Tee aus und sah noch mal kurz auf meine Uhr. “Ich ähhm, muss dann langsam mal los” Natürlich hätte ich noch Zeit gehabt, es war ja noch nichtmal um 12 aber ich denke es ist besser wenn ich gehe. Es wird nur immer unangenehmer je länger wir uns anschweigen. “Ok” Kam es dann nur leise. Immerhin zog er wieder ansatzweise ein Lächeln. Ich zog meine Jacke an und stand dann auf. Seltsam war nur das es aussah als wenn er auch gehen würde.
“Gehst du auch?” Fragte ich während ich mir meine Jacke anzog. “Sí, ich muss sowieso noch meine Schwester bei meinen Eltern abholen” Schweigend liefen wir die Treppen nach oben und blieben auf der Strasse stehen. “Wo musst du jetzt hin?” Er zeigte mit seiner Hand in eine Richtung. “Mein Auto steht gleich um die Ecke” ”Mhh, ich muss in die andere Richtung” Ich sah mich kurz um, es war dunkel und kein Mensch war zu sehen. Wenigstens gab es hier Straßenlaternen. Ich steckte meine Hände in meine Hosentaschen und wusste nicht was ich sagen soll, ich hasse es mich von jemandem verabschieden zu müssen.
Noch dazu wo ich weiss, das ich Rafa höchstwahrscheinlich nie mehr sehen werde. War irgendwie schade aber kann man eben nicht ändern, man kann eben nicht alles haben. Ich räusperte mich dann laut. “Ja also ich gehe dann mal” Sagte ich etwas nervös und sah nach unten. Er trat einen Schritt näher zu mir bis er direkt vor mir stand, zu nah für meinen Geschmack. Ich schluckte kräftig und hielt seinem Blick stand. “Ich wünsche dir was, pass auf dich auf” Langsam wurde mein Lächeln wieder breiter. “Du auch. Ich drücke dir die Daumen für Madrid” Ich hätte nicht gedacht, dass ich das Lächeln noch mal von ihm sehe.
”Nur für Madrid?” ”Die anderen Turniere natürlich auch wenn du willst“ Er steckte seine Hände in seine Hosentaschen, genau wie ich und sah kurz von mir weg bevor er mich wieder so herrlich anlächelte. “Darf ich dich umarmen?” Ich musste spontan lachen, er war der erste der vorher nachfragt ob er mich umarmen darf. “Du kannst es zumindest versuchen”
Bevor ich wusste wie mir geschah kam er noch näher und umarmte mich tatsächlich. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und konnte nicht anders als breit zu lächeln. Seine Hände waren erst an meinen Hüften und dann an meinem Rücken. Vielleicht war das doch keine gute Idee, ich gewöhne mich nur daran. An die Art von Umarmung würde ich mich gerne gewöhnen. Ich merkte, wie mein Puls langsam schneller wurde, hoffentlich fällt es nicht zu sehr auf. Es war zu verlockend, Rafa riecht so unheimlich lecker, ich komme da nur auf unanständige Gedanken.
Am liebsten würde ich ihn nicht mehr loslassen. Es kam mir eben nicht so vor, als würde ich ihn erst seit sechs Tagen kennen sondern viel länger. Als mir das Kribbeln zu gefährlich wurde, ließ ich ihn wieder los, zu meiner eigenen Sicherheit. Vorsichtshalber ging ich noch einen Schritt von ihm weg. “Adíos” Sagte ich mit einem verlegenen Lächeln. “Hasta luego” Ich lief erst ein paar Schritte rückwärts ehe ich mich umdrehte und ging. Bevor ich an der nächsten Straßenecke abbog, drehte ich mich noch mal um aber es war niemand mehr zu sehen, es war als hätte Rafa nie dort gestanden. Ich atmete tief durch und lief gedankenverloren zum Hotel zurück.
Zum Glück war Sara nicht da als ich am Hotel ankam, ich hatte eben keine Lust mit jemandem zu reden. Ich nahm mir was zu trinken mit aufs Zimmer und setzte mich auf den Balkon. Es war total ruhig aber noch richtig schön warm. Eigentlich wollte ich nicht mehr an vorhin denken aber es war schwierig. Es war schon deprimierend, dass ich morgen wieder nach Hause muss. Aus dem Grunde war ich auch gegen Urlaubsflirts, weil das sowieso immer in einer Sackgasse endet.
Es bleibt nichts außer den Erinnerungen und in diesem Fall ein paar schräge Bilder. Passiert im eigentlichen Sinne war ja nichts weiter aber der Gedanke zählt mit. Ich hatte schon daran gedacht ihn nach seiner Telefonnummer zu fragen aber es bringt mir nichts wenn ich ab und zu mit ihm telefoniere. Es war besser so als wie wenn wir uns dann nichts mehr zu sagen haben. Das Kapitel hatte in Porto Cristo angefangen und es wird auch hier geschlossen. Mehr oder minder gefrustet ging ich duschen und dann ins Bett auch wenn ich nicht schlafen konnte weil mir zu viel durch den Kopf ging.
Durch ein Türknallen wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Ein paar Sekunden später ging das Licht an. Ich blinzelte vorsichtig und sah Sara mit einem breiten Lächeln vor dem Bett stehen. “Tut mir leid wenn ich dich geweckt habe, ich dache du bist noch nicht da” ”Mhh, schon ok” Sagte ich während ich gähnte und mich dann wieder hinsetzte. Sie zog sich ihre Jacke aus und dann die Schuhe. “Wie war's?” Fragte ich als ich wieder voll bei Sinnen war.
Ihr Gesichtsausdruck und die übertrieben gute Laune hatten mich gleich stutzig gemacht. Sie lief um das Bett und setzte sich auf meiner Seite auf die Bettkante. “Señor Nadal hat sich doch blicken lassen, leider nur für 2 Minuten” ”Ist er dann vor euch geflüchtet?” Ich sah schon an ihrem Augenrollen, dass sie es nicht so lustig fand wie ich. “Er hat seine Schwester abgeholt und ist sofort wieder verschwunden” ”Aha” Sagte ich nur und schluckte kräftig da ich anfing zu schwitzen. “Ich kam nichtmal dazu ein Bild zu machen. Es hätte sowieso doof ausgesehen wenn ich da fotografiert hätte aber ohne Blitz oder so hätte man es ja wenigstens versuchen können damit es nicht so auffällt” Das hörte sich irgendwie an als wen sie unter die Paparazzi gehen will und versucht heimlich Bilder zu machen.
”Wenigstens ist er überhaupt aufgetaucht” ”Ja, zu schade das er gleich wieder gegangen ist. Er sah echt zum anbeißen aus in lila” Ich holte tief Luft und würde einfach mal ein bisschen Interesse vortäuschen. “Lila?” Fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen. “Ja, dem steht echt alles, der schafft es in den unmöglichsten Farben noch gut auszusehen” Das kann sie wohl laut sagen! Bevor sie noch misstrauisch wird, sagte ich besser nichts mehr. Erstaunlicherweise gab sie dann auch Ruhe und ging ins Bad duschen. Ich drehte mich wieder auf die Seite und starrte an die Wand. Ich weiss nicht was schlimmer ist, dass Sara nichts ahnt oder das ich absichtlich nicht mit Rafa in Kontakt bleiben will. Vermutlich würde ich letzteres am schnellsten bereuen aber es war zu spät. Am besten ich denke gar nicht mehr nach, morgen geht es zurück nach Hause und dann ist sowieso alles egal.
Am nächsten Tag packten wir unser Zeug zusammen und warteten dann auf den Bus, der uns zum Flughafen bringt. Natürlich waren wir schon zwei Stunden vor dem Abflug am Flughafen, wenigstens konnten wir schon einchecken und waren die Koffer erst mal los. Zeit war ja also bummelten wir durch die duty free Shops und machten es uns dann in den Plastiksitzen direkt am gate bequem. “Ich habe gar keine Lust nach Hause zu fliegen” Ich sah mit einem leicht deprimierten Gesicht durch die großen Scheiben auf das Flugzeug und verschränkte dann meine Arme vor dem Bauch. “Ich auch nicht” Antwortete ich kurz.
War es nicht immer so? Es geht doch vielen Leuten so, dass sie nicht nach Hause wollen wenn der Urlaub zu Ende geht. “Ich könnte es echt hier eine Weile aushalten, also länger als eine oder zwei Wochen” ”Das wird den meisten Leuten so gehen und irgendwann ist doch wieder mal Urlaub” ”Ja aber es passte eben alles so perfekt mit Jenny und so” Sie drehte sich zu mir und zog ein verlegenes Lächeln. “Es tut mir leid, dass ich in den letzten Tagen nicht so viel Zeit hatte für dich. Ich weiss das wir hier zusammen Urlaub machen wollten aber ich konnte mir die Gelegenheiten nicht entgehen lassen und ich wollte dich nicht die ganze Zeit nerven. Ich weiss ja, das dich das alles nicht interessiert” Was sollte ich jetzt sagen? Ich wusste doch das sie an Rafa hängt.
“Ich hab's ja überlebt” Antwortete ich dann nur und dachte mir meinen Teil. ”Du bist nicht sauer? Ich könnte es verstehen” Wenn sie so anfängt, kriege ich gleich ein schlechtes Gewissen. “Nein, bin ich nicht. Es war hier auf jeden Fall besser als zu Hause” Ich war wirklich nicht sauer, es wäre alles ganz anders gelaufen wenn sie nicht immer mit Jenny unterwegs gewesen wäre. “Mhh, jetzt wird es wieder echt langweilig und ich kann mit mit dem Computer und dem Fernseher begnügen” ”Spielt er nicht mal irgendwo in Deutschland?” ”Stuttgart war gar nicht geplant für dieses Jahr und Hamburg schenkt er sich seit das Turnier abgestuft wurde. Wegen 250 Punkten kommt er gar nicht erst. Bleibt nur noch das Masters in Berlin, da es ein Masters 1000 Turnier ist muss er dort spielen ob er will oder nicht” Klang doch gar nicht so schlecht, wo war denn ihre Begeisterung? Da soll sich noch jemand beschweren das Rafa nicht spielen würde in Deutschland.
“Und der Haken?” Fragte ich neugierig. “Die Preise für die Tickets dort sind astronomisch. Da es dort 1000 Punkte zu holen gibt, spielen da fast die gesamten Top 20 weil alle die Punkte wollen. Das hat zur Folge, dass die Preise durch die Decke gehen. Je mehr Top Spieler, umso teurer wird es” ”Berauschende Aussichten” Damit meinte ich nicht nur das Turnier. “Du sagst es. Es gibt ja billige Karten für die erste und zweite Runde aber die Chancen das Rafa an dem Tag nicht spielt sind zu hoch und für das Finale bekommt man eh keine Karten mehr. Ich will auch nicht einen haufen Geld ausgeben und dann vielleicht in der letzten Reihe sitzen und noch dazu Roger Federer sehen weil Rafa vielleicht gerade mal nicht spielt. Das ist so weit weg, dass man besser kommt wenn man es im Fernsehen anguckt anstatt hinzugehen” Kam es dann nur als Antwort.
Würde Rafa nicht an bessere Karten rankommen? Nicht das ich ihn nutzen wollte um gratis an Finalkarten zu kommen aber der Gedanke war nicht schlecht. Zu blöd, dass ich es selbst vermasselt habe. Sara würde Augen machen wenn ich Karten hätte, woher müsste sie ja erst mal nicht wissen aber die Möglichkeit stand ja nicht mehr.
20 Minuten vor dem Abflug konnten wir endlich mal einsteigen. Das war es dann also, jetzt gibt es kein zurück mehr. Noch zwei Stunden Flug und es wird mir vorkommen, als wäre ich nie von zu Hause weg gewesen obwohl es nur eine Woche war.
Als wir dann tatsächlich wieder in Deutschland waren, holten wir noch unser Gepäck und fuhren nach Hause. Mir kam es vor als wäre ich nie weg gewesen, als ich die Tür zu meiner Wohnung aufschloss. Das war's dann also, jetzt geht wieder der nervende und langweilige Alltag los. Meine Sachen musste ich ja alle noch waschen also packte ich gleich meinen Koffer aus. Nebenbei lud ich die Bilder von der Kamera auf meinen Rechner.
Es macht mehr Spaß die groß zu sehen als nur auf dem kleinen Display der Kamera. Als alle Bilder auf dem Rechner waren, löschte ich alle von der Kamera. Sicherheitshalber entfernte ich alle Bilder auf denen Rafa war und speicherte die in einem extra Ordner. Man kann ja nie wissen und sicher ist sicher. Bei der Gelegenheit sah ich mir gleich alle nochmal an und alleine schon davon musste ich wieder lachen. Irgendwie müsste ich die Bilder alle Rafa schicken, er würde sich sicher darüber freuen. Ich könnte die ja zur allgemeinen Belustigung auf der Fanseite hochladen aber dann fragt noch jemand was ich ihm ins Glas gemischt habe das es zu den Bildern kam.
Jetzt kann ich nur hoffen, dass niemand das Bild von Rafa und mir im Gästebuch auf dieser Webseite findet. Wenn aber niemand weiß, dass Rafa dort hingeht, wird wohl auch niemand auf die Idee kommen danach zu suchen, zumindest hoffe ich das mal. Sollte es doch jemand finden und ich überall im Internet auftauchen, habe ich ein echtes Problem. Ich will mir lieber nicht vorstellen was passiert wenn Sara das erfährt.
Die flippt bestimmt total aus und wirft mir vor, dass ich Geheimnisse vor ihr hätte. Ich fühlte mich ja auch nicht so richtig gut bei dem ganzen aber es war am besten so, ich wollte nicht alles so breittreten. Ich glaube zwar nicht, dass sie alles im Internet veröffentlichen würde aber ich will nicht so detailliert darüber reden. Da würde ich mir vorkommen als wenn ich mich selbst verraten würde. In dem Moment als das Bild gemacht wurde dachte ich gar nicht darüber nach, dass ich es später vielleicht bereuen könnte.
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