Am nächsten Tag wurde mir doch tatsächlich die hohe Ehre zuteil das Sara mal Zeit hatte für mich, ich konnte mein Glück kaum fassen. Wir fuhren nach Palma und machten einen entspannten Shoppingtrip quer durch die Stadt. Es war nicht so, dass ich mich nicht gewundert hatte weil sie heute Zeit hat. Bevor ich aber allzu neugierig nachfragen konnte wo Jenny ist, eröffnete sie mir, dass sie sich heute Abend mit ihr trifft und das die dann in Manacor in einen Club gehen wollen.
Ach deswegen war sie mit nach Palma gekommen. Sie hatte wohl ein schlechtes Gewissen weil wir gar nichts zusammen unternehmen und da sie heute Abend was vor hat dachte sie wohl sie beehrt mich früh mit ihrer Anwesenheit. Ein paar Minuten später erfuhr ich, dass Rafa wohl immer in die selben Clubs geht, mir leuchtete dann auch ein wieso sie unbedingt nach Manacor wollte obwohl es auch hier genügend Restaurants und Bars gibt.
Natürlich hat sie mir wieder angeboten mitzukommen und ich schwankte auch kurz aber am Ende sagte ich doch nein. Ich hatte keine Lust den ganzen Abend irgendwo zu warten und zu hoffen, dass Rafa doch noch auftaucht. Wenn diese Jenny dabei ist werden die sowieso von nichts anderem reden und ich sitz dann blöd daneben und kann nur ja oder nein sagen weil ich eh keine Begeisterung dafür übrig habe. Außerdem wollte ich nicht dabei sein wenn er auf Jenny trifft. Die schafft es sicher mich gleich mit als durchgeknallten Fan dastehen zu lassen. Natürlich bedeutete das auf der anderen Seite auch, dass ich mal wieder alleine war Abends.
Ich könnte ja wieder quer durch den Ort zu dieser Bar irren. Es wäre auch zu komisch, wenn Rafa statt in dem Club in Manacor wieder in dieser Bar auftauchen würde. Nicht das ich damit rechnete aber es gab manchmal komische Zufälle.
Dieses mal musste ich auch nicht dahin laufen, denn Sara setzte mich in der Nähe ab als sie Abends nach Manacor fuhr. Jenny hatte sich ja in weiser Voraussicht direkt in Manacor ein Zimmer gemietet und genau dahin war Sara jetzt auf den Weg. Ich lief noch zwei Strassen weiter und ging dann zielsicher die Treppen nach unten.
Zu meiner Überraschung war dann nur niemand zu sehen. Es sah alles normal aus, es lief sogar Musik aber weit und breit waren keine Gäste zu sehen. Ich blieb am Eingang stehen und sah mich etwas überrascht um aber hier war niemand. Wie aus dem nichts tauchte dann jemand vor mir auf. “Sorry aber wir haben heute eine geschlossene Veranstaltung” Mit anderen Worten, ich kann wieder gehen. Na super, so hatte ich mir das vorgestellt! Heute scheint auch alles schief zu gehen.
Ich verzog mein Gesicht, machte auf dem Absatz kehrt und lief die Treppen wieder nach oben. Was soll's, ich kann auch im Hotel was trinken oder ich gehe in ein Restaurant gleich am Strand.
Gemütlich schlenderte ich zum Hotel zurück oder besser gesagt, ich war zumindest auf dem Weg dorthin. Ich war völlig in Gedanken versunken, als mich plötzlich jemand von hinten anhupte. Der Herzkasper war in dem Moment nicht mehr weit entfernt. Als ich mich etwas vom Schreck erholt hatte, fragte ich mich wer so verrückt ist und die Frechheit besitzt mich einfach anzuhupen. Ich hatte mir schon vor langer Zeit abgewöhnt auf so was zu reagieren.
Ich wusste schon welche Sorte Mann so was nötig hat, nämlich diejenigen die glauben das die Welt sich um sie dreht. Das jemand anderes gemeint war konnte auch nicht sein, hier war weit und breit niemand zu sehen. Ohne das ich mich umdrehte lief ich weiter aber ich sah an den Scheinwerfern vom Auto das derjenige mich anscheinend verfolgt. Na schön, da wollte wohl jemand einen dummen Spruch hören also blieb ich stehen und drehte mich um.
Natürlich konnte ich nicht viel sehen da ich geblendet wurde von den Scheinwerfern. Ich lief ein paar Schritte zurück bis ich auf Höhe der Beifahrertür war und warf einen kurzen Blick auf das Auto. Fantasiere ich eben oder will James Bond mich eben entführen? Das Auto sah exakt so aus wie in den James Bond Filmen, es hatte sogar die gleiche Farbe. Zwar kannte ich mich nicht so gut aus mit Autos aber das war mit ziemlicher Sicherheit ein Aston Martin.
Fehlt nur noch das Daniel Craig gleich aussteigt und mich auf einen geschüttelten Martini einlädt. Bevor ich länger an James Bond denken konnte, ging das Fenster auf der Beifahrerseite nach unten. Na jetzt war ich aber gespannt. Ich musste mich etwas nach unten beugen damit ich überhaupt reinsehen konnte. Dunkel war es ja auch noch aber das Lächeln was mir dann entgegen kam, war nicht zu übersehen und kam mir auch bekannt vor.
Mein erster Gedanke war dann, nicht schon wieder der! Ja und der zweite Gedanke direkt danach was er in dem Auto macht. Ich gebe zu, dass ich überrascht war und das bestimmt auch an meinem Gesichtsausdruck zu sehen war. “Hola, mit dir hätte ich jetzt nicht gerechnet. Ich dachte es wäre Daniel Craig” Stammelte ich nach ein paar Sekunden. Ich dachte sein Lächeln könnte nicht mehr breiter werden aber das war ein Irrtum! “Hola, so kann man sich täuschen. Wäre es dir lieber wenn er es gewesen wäre?”
Inzwischen hatte ich Zeit gehabt in Ruhe Luft zu holen. “Man kann nicht alles haben, no? Verfolgst du mich eigentlich?” ”No, ich habe nur gesehen wie du aus dieser Bar gekommen bist” ”Die haben zu, oder besser gesagt eine geschlossene Veranstaltung” “Weiß ich, es liegt ja auch an mir” Jetzt wo er es sagte... da hätte ich eigentlich auch eher drauf kommen können.
“Hättest du das nicht vor zwei Tagen sagen können? Dann wäre ich gar nicht erst hier her gekommen” ”Ich dachte nur du willst nicht mit mir reden” So ganz falsch lag er dabei ja auch nicht. Anscheinend kann ich ihm nur nicht entkommen. Langsam konnte ich mir dann auch ein breites Lächeln nicht länger verkneifen, dass war sicher ansteckend. “So kann man sich täuschen, ich rede ja nicht mit jedem” Sagte ich und musste dabei kichern.
”Hast du Lust ein bisschen zu feiern? Ich meine, jetzt bist du ja sowieso schon mal hier her gekommen” Meinte der das ernst? Normalerweise würde ich ihm jetzt den Vogel zeigen und sagen verarschen kann ich mich auch alleine aber es sah ganz und gar nicht nach einem Scherz aus. Ich verschränkte meine Arme vor dem Bauch und dachte kurz nach, mir blieben sowieso nur ein paar Sekunden. “Was gibt's denn zu feiern?” Fragte ich dann neugierig nach. Hat er etwa Geburtstag? “Monte Carlo, Barcelona und Rom” Mein Gesicht daraufhin war sicher gut.
Ich dachte nur hä? Bestimmt sah mein Gesicht auch so aus. So spontan konnte ich mit der Aufzählung gar nichts anfangen. “Ich meinte die Turniersiege” Kam es dann noch hinterher. Warum sagt er das denn nicht gleich? Es können ja nicht alle alles wissen. “Ach so, na wenn du unbedingt darauf bestehst...” Ich hatte das absichtlich so formuliert um ihm letztendlich die Entscheidung zu überlassen, aufdrängen wollte ich mich ja auch nicht.
Ich hatte sowieso nichts mehr vor also kann ich auch hier bleiben. “Sí, ich bin gleich wieder da, muss nur schnell das Auto loswerden” Kam es dann nur. Gut, dann wäre ja alles geklärt. Bevor ich noch was sagen konnte, war er schon verschwunden.
Ich blieb stehen und schüttelte mit dem Kopf. Was war das denn eben? Will der mich auf den Arm nehmen oder was? Aus welchem Grund sollte er sonst extra wegen mir so einen Zirkus veranstalten? Sonst ist es doch auch so das die Fans ihn nerven und nicht umgekehrt und er wusste ja gar nicht ob ich ein Fan bin oder nicht. Wahrscheinlich kriegt er sich eben gar nicht mehr ein vor lachen. Na schön, ich würde jetzt exakt 10 Minuten hier warten und wenn er dann nicht hier erscheint, gehe ich zum Hotel zurück und ärgere mich darüber das er an mir seine Scherze ausprobiert.
Inzwischen dachte ich an Sara und Jenny. Sieht so aus als wären sie wieder mal zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich könnte sie ja auch anrufen und sagen das sie hier her kommen sollen wenn sie Rafa sehen wollen aber da hier jemand am Eingang steht und alle ungebetenen Gäste zurückhält, kämen sie wohl nicht rein.
Ich würde mich hüten Rafa zu fragen ob sie auch rein dürfen. Es wäre ja nicht das Problem, dass ich ihn frage ob noch zwei Leute mehr rein können, das Problem war Jenny. Den Schilderungen von Sara nach war Rafa nämlich nur mäßig begeistert davon Jenny in Manacor zu sehen als er gestern trainieren war. Das wiederum lässt darauf schließen, dass sie irgendwas gemacht hat und somit bei ihm in negativer Erinnerung geblieben ist.
Vielleicht stört es ihn ja wenn Leute ohne Hemmung seine Familie und Freunde anquatschen. Mich würde es schon stören wenn jemand so extrem neugierig ist und keine Grenzen kennt. Das war schon hart an der Grenze zu stalking. Zwar würde ich Sara einen großen Gefallen tun aber ich kann es nicht jedem recht machen. Ich dachte doch nie, dass ich mich mal entscheiden muss zwischen Sara und Rafael Nadal, dass war eine komische Vorstellung.
Fakt ist, Sara gibt es nur mit Jenny und wenn Rafa sie sieht, ist er möglicherweise nicht mehr ganz so nett und das wollte ich wenn es geht vermeiden. Also hat sie wohl Pech auch wenn ich dann ein schlechtes Gewissen habe. Sie hat mich in den letzten Tagen so mit Rafa genervt, dass ich es ihr jetzt einfach heimzahle auf diese Art. Sie würde es sowieso nicht verkraften ihn zu oft zu sehen.
Apropos sehen, Rafa erschien eben um eine Hausecke und kam direkt in meine Richtung gelaufen. War es also doch kein Scherz gewesen. Ich schnappte erst mal nach Luft und versuchte meinen Puls unter Kontrolle zu halten. Nach wie vor fragte ich mich wieso der das macht, normal war es sicher nicht. Wir gingen erst mal rein und organisierten uns was zu trinken. Ein Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen als er sich seine Jacke auszog.
Wenn ich das richtig sah, hatte er die gleichen Jeans an wie vor zwei Tagen und oben ein schwarzes Hemd bei dem die ersten beiden Knöpfe offen waren. Er schafft es echt in normalen Klamotten noch umwerfend auszusehen. Das schwarz steht ihm wirklich, verträgt sich gut mit seiner Bräune. Gedanklich war ich eben dabei ihm das Hemd auszuziehen, wer weiß was darunter alles interessantes zum Vorschein kommt. Ich versuchte an etwas anderes zu denken bevor ich noch etwas unüberlegtes tue. Nicht das ich auch noch anfange mit sabbern, viel fehlte nicht dazu. Ich musste mich zwingen an etwas anderes zu denken, sonst werde ich noch rot und fange an dummes Zeug zu erzählen. “Bist du eigentlich alleine hier?”
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und trank erst mal einen Schluck. “Eigentlich nicht aber meine beste Freundin zieht es vor jemanden in Manacor zu besuchen” Eigentlich hätte ich nicht besuchen sagen sollen sondern suchen aber dann fragt er vielleicht noch nach. “Jeden Abend?” War es ihm tatsächlich auch schon aufgefallen das ich immer alleine hier bin? “Sagen wir fast jeden. Ich frage mich auch langsam warum ich mit hier her gekommen bin. Wenn ich Glück habe, sehe ich sie wenigstens tagsüber. Unter einem gemeinsamen Urlaub hatte ich mir etwas anderes vorgestellt” ”Kann ich mir vorstellen” “Was machst du eigentlich hier? Wohnst du nicht in Manacor?”
Ich hoffte eben, dass ich nicht zu weit gegangen war mit den Fragen. Ganz dunkel erinnerte ich mich gerade, dass ich mal irgendwo aufgeschnappt habe das er bei seinen Eltern in Manacor wohnt. “No, ich wohne hier, meine Eltern wohnen in Manacor. Ich könnte ja nichts trinken wenn ich dann noch nach Manacor fahren müsste. Von hier aus kann ich nach Hause laufen daher gehe ich nur in Manacor weg wenn ich bei meinen Eltern übernachte. Nicht das du denkst ich will mir die volle Dröhnung geben, ich habe sowieso Training morgen und muss mich etwas beherrschen” Mir leuchtete da eben so einiges ein. Wenn er hier wohnt, ist es klar das er sich immer hier im Umkreis aufhält.
Das er in Porto Cristo wohnt hatte ich noch nie gehört also wird es wohl so sein, dass niemand etwas davon weiß. Mir war ja schon bekannt, dass er grundsätzlich keine privaten Fragen beantwortet in der Presse oder bei Interviews. Ich staunte eben darüber was alles hängengeblieben war bei mir obwohl ich immer auf Durchzug schaltete wenn Sara mit dem Thema Rafael Nadal anfing. Wäre vielleicht von Vorteil wenn ich doch etwas genauer zugehört hätte aber konnte ich jetzt nicht ändern. Es war in der Tat so das ich so eine Art Halbwissen hatte.
Manches konnte ich spontan nicht zuordnen aber ich kann ihn ja schlecht fragen. Jetzt hätte ich liebend gerne gefragt wo er genau wohnt, dass interessierte mich wirklich aber das findet er vielleicht nicht so berauschend. Ich will ja nicht das er sich vorkommt als wäre er bei einem Interview. Von mir könnte ich auch erzählen aber vielleicht langweilt ihn das ja. Am sichersten erschien es mir wenn ich bei den Dingen bleibe, die offiziell bekannt sind, da ich ihm so nicht zu nahe treten kann. “Feierst du eigentlich jeden Turniersieg einzeln?” Sein Lächeln sah richtig gut aus.
”No, natürlich nicht. Ich bin ja auch nicht so oft hier. Es passt nur gerade eben da ich ein paar Tage entspannen kann bevor es in Madrid weiter geht. Na ja und drei Turniersiege in drei Wochen ist nicht schlecht” Das war mir kurz entfallen. Ich wusste nur das er öfters gewinnt aber das er die letzten drei Turniere sozusagen in Serie abgeräumt hat ist auch erschreckend. Anscheinend hat er vor länger auf der Nummer eins zu bleiben. Ich sah mich dann kurz um, inzwischen waren doch noch ein paar Leute mehr hier.
Komisch nur das keiner Rafa angesprochen hatte bis jetzt oder es lag an mir. Es war doch seltsam, dass er bei den Turnieren keinen Schritt unbeobachtet gehen kann und hier interessiert es niemanden ob er da ist oder nicht. “Bist du die ganzen Turniersiege nicht längst gewohnt?” ”Nicht wirklich, ich rechne vorher nicht damit alles zu gewinnen. Es erstaunt mich selbst wie ich das immer hinkriege” Ich musste lachen und trank einen Schluck. “Wahrscheinlich sind die anderen auch immer darüber erstaunt das du alles gewinnst” ”Das stimmt so nicht, ich gewinne nicht alles” Ich dachte schon das ich was falsches gesagt hatte aber seinem Lächeln nach zu urteilen war alles ok.
“Perdo, ich meinte das du ab und zu mal gewinnst” Korrigierte ich mich dann selbst obwohl das ein understatement war. ”Klingt schon besser. Wie heißt du überhaupt?” Im nächsten Moment verschwand mein Lächeln erst mal. Jetzt wo er fragte fiel mir auch wieder ein, dass ich mich gar nicht vorgestellt hatte. Vor zwei Tagen dachte ich nicht das ihn das interessiert aber immerhin redete ich ja schon mal mit ihm. “Amaia Canteras” Antwortete ich dann mit einem breiten Lächeln. “Kommst du aus Spanien?” Ich wusste es! Auf die Frage hatte ich gewartet! Andererseits war das ein Kompliment da meine leicht eingerosteten Spanischkenntnisse offenbar ausreichen um zu vertuschen das ich längere Zeit kein spanisch mehr gesprochen habe.
“Nein, ich komme aus Deutschland, mein Name ist das einzige spanische an mir. Mein Vater ist aus Spanien daher kommt der Name. Fällt es nicht auf das ich gelegentlich überlegen muss weil mir die Wörter nicht gleich einfallen?” ”No, so sehr fällt es nicht auf außerdem habe ich verschiedene Möglichkeiten die Sprachlosigkeit der Menschen zu interpretieren” Wie sollte ich das verstehen? Es ist nicht so, dass ich gleich vor Ehrfurcht im Boden versinke und vor Schreck kein Wort mehr rauskriege. “Falls du glaubst, dass ich ein durchgeknallter Fan von dir bin, muss ich dich leider enttäuschen” ”Du sagst das so als wenn das was schlimmes wäre!” Oh ja, ich wusste sehr genau wovon ich da sprach.
“No aber es gibt doch sicher welche die es übertreiben oder?” Gedanklich ließ ich mich eben über Sara aus, nur zu gerne würde ich Rafa mal die Meinung sagen. Vielleicht findet er es nicht so gut wenn ich Sara und ihre Aktionen jetzt ins lächerliche ziehe. Gewissermaßen würde ich sie dann auch bloßstellen aber er kennt sie doch nicht. Wäre vielleicht auch interessant zu sehen wie er das findet wenn ich sage das es Leute gibt die nur wegen ihm hier her kommen damit sie ihn dann hier nerven können. Ich sah wie er einen Schluck trank und dann wieder zu mir sah. “Natürlich gibt es welche die es übertreiben. Wenn ich früh aus dem Haus komme und Fans im Gebüsch sitzen finde ich das nicht mehr komisch” Wieso sah ich nur eben wieder Sara vor meinem inneren Auge?
“Ist dir das wirklich passiert?” Hakte ich dann nach. ”Was denkst du was mir alles schon passiert ist... das welche nur dastehen und gucken ist noch harmlos. Ich bin auch immer gespannt da ich ja nicht weiß, was als nächstes passiert. Was ich nur überhaupt gar nicht leiden kann ist wenn mich jemand einfach umarmt ohne vorher zu fragen. Ich gehe doch auch nicht irgendwohin und umarme fremde Menschen ohne vorher zu fragen, da hört der Spaß echt auf” Ich überlegte kurz auf welchen Vorfall er jetzt konkret anspielte. Mir gingen da die Bilder durch den Kopf wo er am Flughafen war und ihn eben jemand ungefragt umarmt hatte, ich wusste aber spontan nicht wann und wo das war.
“Wo war das gleich noch mal als dich jemand am Flughafen angefallen hat?” ”Ich denke du bist kein Fan?” ”Um gewisse Dinge kommt man nicht drum rum wenn man gezwungen wird Tennis zu gucken” ”Das war hier in Palma am Flughafen. Ich kam da aus Australien zurück. Nach Zwischenstops in Singapur und Madrid kam ich nach mehr als 24 Stunden Flug hier an und da stehen dort Unmengen an Leuten am Ausgang und warten schon auf mich. Als ich das alles gesehen habe wäre ich am liebsten gleich wieder umgekehrt und woandershin geflüchtet. Leider kann ich mir so was aber nicht leisten und es interessiert in dem Moment niemanden ob ich zwei oder 24 Stunden lang unterwegs war”
Das klang ja wirklich interessant... so lange war ich zwar noch nie am Stück unterwegs aber ich war damals schon nach einem 12 Stunden Flug klinisch tot in Mexico angekommen. “War der Sieg in Australien so besonders?” ”Die Frage habe ich mir auch gestellt! Nicht wirklich, gut es war ein Grand Slam Turnier und auch mein erster Sieg dort aber so einen Aufstand rechtfertigt es trotzdem nicht”
Ein paar Drinks später sah ich auf meine Uhr und bekam einen Schreck. Ich war nicht so betrunken das ich nicht mehr realisierte wie spät es ist. Zwar kann ich ausschlafen aber das Frühstück wollte ich doch nicht verpassen. Es war kurz vor um eins, je nach dem wie man es sieht früh oder spät. Ich hatte nicht wirklich gemerkt wie die Zeit verging. Wer neben mir saß hatte ich auch schon vergessen. Natürlich nicht vergessen aber Rafa verhält sich erschreckend normal. Es ist kein Wunder, dass man ihm nichts anmerkt, ich könnte stundenlang mit ihm quatschen ohne mich dabei zu langweilen. Erst war ich gespannt ob er sich vielleicht selbst für den allercoolsten hält aber es war nicht so. Zumindest redet er nicht andauernd von seinen ganzen Erfolgen.
Mir kam es fast so vor als wenn er es vorzieht nicht im Mittelpunkt zu stehen. Das verträgt sich zwar nur schwer mit seinem Verhalten bei den Turnieren aber da bleibt ihm ja auch keine Wahl. Als Nummer eins steht er nun mal überall im Mittelpunkt. Obwohl ich durchaus noch länger hier bleiben würde um den spannenden Geschichten von Rafa zu lauschen, wollte ich dann zurück zum Hotel. Ich trank mein Glas aus und sah noch mal auf meine Uhr. “Ich ähhm, werde dann mal so langsam zum Hotel zurück gehen“ ”Mhh, ich sollte eigentlich auch schon längst schlafen” Mit einem Lächeln stand ich auf und zog meine Jacke an.
“Danke für die Drinks und die Unterhaltung” ”Schon ok” “Viel Spaß dann noch” ”Kommst du jetzt jeden Abend hier her?” Hatte ich die Frage eben richtig verstanden? Ja ja, das könnte ihm so passen... Falls er denkt, dass er mich festnageln kann, hat er sich getäuscht. Obwohl, wenn er mich jeden Abend einlädt, überlege ich mir das direkt. “Lass dich überraschen, adíos” Antwortete ich frech und ging dann. Kurz dachte ich auch daran ihn zu umarmen aber das geht wohl ein bisschen zu weit. Schließlich kenne ich ihn nicht auch wenn es mir nicht so vorkommt.
Auf dem Weg zurück zum Hotel hatte ich Zeit die letzten Stunden etwas sacken zu lassen. Das er fragte ob ich jetzt jeden Abend dahin komme macht mir irgendwie Angst. Ich weiss nicht wie er sich das so vorstellt oder macht er so was öfters? Es war eben nicht irgendjemand sonst würde ich nicht darüber nachdenken. Er weiß ja auch noch nicht, dass ich in drei Tagen wieder nach Hause fliege. Sara fiel mir dann auch wieder ein, an sie hatte ich nicht gedacht die letzten Stunden.
Zugegeben, Rafa eignete sich gut als Ablenkung, ich würde ihn am liebsten morgen zum Strand bestellen damit ich mich dort nicht langweile alleine. Dabei hätte ich auch nichtmal ansatzweise ein schlechtes Gewissen. Was Sara für morgen plante weiß ich zwar noch nicht aber sie hat sicher Pläne gemacht mit Jenny. Im Zimmer brannte noch Licht, wie ich dann sah als ich das Hotel erreichte. Es war nicht meine Absicht sie aus dem Bett zu werfen aber sie war offenbar noch wach. Leise öffnete ich die Tür und ging ins Zimmer.
Sara lag auf dem Bett und guckte fernsehen. “Hola chica, wo kommst du her?” Sie klang eben als wäre sie meine Mutter! Nachdem ich meine Sandalen ausgezogen hatte, setzte sich mich auf die Kante vom Bett und sah sie an. “Habe mich nur unter die Einheimischen gemischt” “Aha und weiter?” “Wie und weiter?” Fragte ich zurück da ich ihr nicht folgen konnte. Im nächsten Moment fing sie an so merkwürdig zu kichern. “Ich kenne den Gesichtsausdruck! Du scheinst dich ja prächtig amüsiert zu haben” ”Der Traum deiner schlaflosen Nächte hat mich eingeladen mit ihm die letzten drei Turniersiege zu feiern” Sagte ich in einem sachlichen Tonfall.
Ihr grinsen wurde daraufhin noch breiter. “Na sicher. Du machst dich schon wieder lustig über mich! Ich finde es nicht zum lachen” Da hatten wir es doch schon. War doch klar, dass sie mir nicht glauben würde. Ja gut, ich hatte auch nicht die Absicht sie davon zu überzeugen, was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß. “Wie war es bei dir?” Fragte ich um das Thema zu wechseln. Ihrem Gesicht nach zu urteilen war sie nicht sehr begeistert, ich konnte mir auch denken warum. Sie gehörte zu den Menschen, wo man schon am Gesichtsausdruck ablesen kann was los ist.
“Gar nix war's“ “War wohl nicht so prickelnd?” Fragte ich ohne schlechtes Gewissen, langsam machte das sogar Spaß! “Vergiss es! Immerhin war seine Schwester Maria Isabel dort. Ich hätte mich ja nicht getraut sie anzusprechen aber Jenny hat nachgehakt und gefragt ob Rafa auch kommt. Sie hat gesagt das sie es nicht weiß aber es sah mir eher so aus als wenn sie es nicht sagen wollte” ”Kannst du es nicht verstehen das sie nichts sagen will?” ”Doch, allmählich frage ich mich ja auch was das alles bringt. Ich habe keine Lust den Leuten auf die Nerven zu gehen und genau darauf läuft es hinaus” Kam sie jetzt etwa zur Einsicht?
“Vielleicht solltest du es einfach lassen. Nicht das du denkst ich gönne es dir nicht wenn du Rafa triffst aber vielleicht will er auch gar nicht das ihn jemand findet” ”Ja, es scheint wohl so zu sein. Jenny dachte ja sie ist ganz schlau wenn sie gleich in Manacor ein Hotelzimmer bucht aber die hat auch kein Glück. Das Haus wo seine Eltern wohnen ist nicht schwer zu finden aber da ist er nicht einmal aufgetaucht in den letzten Tagen” Kein Wunder wenn er dort gar nicht wohnt, dass konnte ich jetzt aber schlecht sagen. Viel schlauer war ich auch nicht, ich wusste ja auch nur das er hier in Porto Cristo wohnt aber nicht wo genau.
Duschen gehen musste ich auch noch fix und so war es schon bald um 2 bis ich endlich im Bett lag. Zwar war ich müde aber ich bekam kein Auge zu weil mir zu viel durch den Kopf ging. Der Abend war zu viel gewesen, im positiven Sinne. So langsam gewöhnte ich mich daran Rafa zu sehen. Zu schade das ich bald wieder nach Hause muss.
Lange ist er ja sicher auch nicht mehr hier aber es war eben so schön alles. Zu schade auch, dass ihn die halbe Welt kennt und er nie Zeit hat. Es ist nicht so das ich länger hier bleiben würde wenn ich wüsste das er Zeit hat aber da ich wusste um wen es sich handelt, konnte ich mir gleich die Gedanken sparen. Ich habe es ja nicht auf ihn abgesehen weil er bekannt ist und wahrscheinlich auch eine menge Geld hat. Im Moment wusste ich selbst nicht so richtig was ich eigentlich will.
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