Da ich nicht wusste was ich machen soll, sah ich hektisch nochmal in den Spiegel und zog meine Sachen zurecht bevor ich wieder auf den Balkon lief. Von der Zimmertür aus kann man nicht auf den Balkon sehen aber bisher hörte ich auch niemanden an der Tür. Ein paar Sekunden später ging die Tür auf und zu und dann kam gar nichts, keiner sagte was. Gut, wenn Rafa wirklich alleine ist, wundert es mich auch nicht. Ich hatte kaum richtig darüber nachgedacht als Rafa an der Tür zum Balkon erschien. Er blieb stehen und sah mich an als wenn ihn soeben der Blitz getroffen hätte.
Oh weia, er schien mehr als nur überrascht zu sein. Das war ich auch und das obwohl ich wusste das ich ihn sehe. Am liebsten würde ich aufspringen und ihm um den Hals fallen, es könnte zu schön sein. Mein Puls war so hoch wie nie und was ich sagen sollte wusste ich auch nicht. Rafa starrte mich an als wäre ich ein Alien und an seinem Gesicht konnte ich auch nicht sehen was in ihm vorgeht. „Was machst du denn hier?“ Kam es dann plötzlich mit einem ernsten Gesicht.
Da ich nicht gleich etwas sagte, drehte er sich um und verschwand wieder. Na super, dass lief ja ganz toll! Seine Begeisterung scheint sich ja sehr in Grenzen zu halten, ich hatte es geahnt, dass es dumm war hier her zu kommen! Das er mir freudestrahlend um den Hals fällt erwarte ich ja gar nicht aber das er gleich wieder verschwindet ist nicht sehr nett.
Kaum das er weg war, erschien er aber wieder an der Tür und sein Gesicht sah ziemlich genervt aus. „Würdest du bitte die Tür öffnen? Ich habe heute noch ein Match und habe jetzt keine Nerven für solche Spielchen“ “Die Tür ist offen“ Er blieb stehen und sagte nichts mehr also stand ich auf und ging selbst nachsehen. Tatsächlich ging die Tür vom Zimmer nicht auf. War das wirklich Maymó weil er geahnt hat das Rafa flüchten wird wenn er die Möglichkeit dazu bekommt? Der muss verrückt geworden sein mich mit Rafa allen Ernstes einzusperren! Kriminelle Energie hat der und zwar eine ganze Menge. Am Ende glaubt Rafa noch ich hätte das so eingefädelt! Wie peinlich ist das denn?
Das stellt mich als die total Verzweifelte dar! Die Reaktion von Rafa kann ich verstehen. „Ich war das wirklich nicht“ Meinte ich dann nur und setzte mich wieder hin. Rafa verschränkte seine Arme vor dem Bauch und verzog sein Gesicht. „Na toll und jetzt?“ “Sieht so aus als wenn du hier bleiben müsstest“ Er setzte sich an den Tisch und drehte seinen Stuhl so das er mich nicht sieht. Ich beobachtete ihn eine Weile und könnte ihn gleich wieder umbringen wenn er sich so abweisend verhält. Was hatte ich auch erwartet? Die Stimmung war sehr angespannt. Jetzt hatten wir schon die Möglichkeit mal alles zu klären, da schweigen wir uns an! Besser gesagt Rafa schweigt mich an, ich würde schon mit ihm reden aber nicht so. Ich hatte da echt keine Lust drauf, vielleicht gibt es wirklich nichts mehr zu retten auch wenn ich das hoffe.
„Rafael“ Er sah weiterhin auf das Meer und reagierte nicht weiter. „Was willst du hier?“ Fragte er wieder ohne mich anzusehen. So langsam reichte es mir. „Mit dir reden“ Es kam gar nichts mehr, er tat so als wäre ich nicht da. „Würdest du mich bitte ansehen wenn ich mit dir rede?“ Fragte ich dann laut und ziemlich sauer. „Vielleicht will ich aber nicht mit dir reden“ Kam es in einer gleichgültigen Tonlage. Jetzt reichte es mir aber, wenn ich könnte, würde ich ihn jetzt rauswerfen. So hat es keinen Sinn! Jetzt ist er aber einmal hier und weglaufen kann er nicht. Ich stand auf und lehnte mich mit dem Rücken an die Brüstung, da ich direkt vor ihm stand musste er mich jetzt ansehen. „Willst du jetzt die nächste Stunde hier sitzen und den Eingeschnappten spielen?“ Er sah wieder seitlich an mir vorbei also drehte ich mich um und sah von ihm weg. Ich schüttelte leicht mit dem Kopf und wurde das Gefühl nicht los das es zu nichts führen wird.
„Hat Maymó das eingefädelt?“ Fragte er dann plötzlich. “Er meinte es nur gut. Ich wusste gleich, dass du stur bist aber er wollte mir nicht glauben“ Ich setzte mich dann wieder hin und zu meinem Erstaunen drehte er dann seinen Stuhl und sah mich an. Ein wenig seltsam war es schon mit Rafa hier zu sitzen, schade ist nur das ich genau weiß das er jetzt nicht hier wäre wenn er die Wahl hätte. „Bist du nur hier weil du mit mir reden willst?“ Ich muss ja schon froh sein das er überhaupt mit mir redet auch wenn sich seine gute Laune in Grenzen hielt. “Dein sogenanntes Team macht sich Sorgen um dich“ “Die sehen Gespenster, dazu besteht kein Grund“ Langsam könnte ich verzweifeln, ich komme einfach nicht an ihn ran wenn er so dicht macht. „Wenn das so ist, reise ich wieder ab. Stell dir einfach vor ich wäre nicht hier und vergiss das hier gleich wieder“ Er blieb sitzen und sah mich direkt an, ich machte mir schon Gedanken wo das noch hinführt. „Es tut mir leid wenn du dir etwas anderes erhofft hast“ Meinte er dann und sah kurz von mir weg. Er scheint so seine Probleme damit zu haben mich direkt anzusehen. “Muss es nicht, ich habe geahnt das du so reagierst“ “Warum?“ “Weil ich dich kenne“ “Wie lange wolltest du hier bleiben?“ Fragte er dann mit einem nachdenklichen Blick.
„Bis morgen, das Turnier ist ja dann sowieso zu Ende. Ich kann aber auch heute Abend zurückfliegen wenn dir das lieber ist“ “Bleibe hier. Ich meine jetzt bist du ja schon mal hier“ War das sowas wie der Lichtstrahl am Horizont? Ein wenig hatte ich doch den Gedanke im Hinterkopf, dass er jetzt wirklich sagt, dass ich verschwinden soll. „Ich will dir nicht auf die Nerven gehen“ Zum ersten Mal huschte ein kurzes Lächeln über sein Gesicht, es war aber wirklich nur ganz kurz. „Das tust du nicht. Das ist nur eben ein bisschen viel alles. Kann sein das du dir was anderes erhofft hast aber ich fühle mich eben total überrumpelt. Fast zwei Monate höre ich nichts von dir und dann bist du plötzlich hier“ “Das kann ich verstehen, ich würde mir an deiner Stelle auch verarscht vorkommen aber hättest du sonst gewollt das ich hier her komme?“ “No, also ich meine natürlich bin ich froh dich zu sehen aber um ehrlich zu sein habe ich mir nicht viel Hoffnungen gemacht dich überhaupt nochmal zu sehen daher schockt es mich jetzt ein wenig. Es hat ein paar Tage gedauert bis mir so richtig klar war was ich gesagt habe. Ich war mir ziemlich sicher, dass du nicht mit mir reden willst. Mir ist klar, dass ich es verbockt habe“
Fast musste ich darüber lachen, er sah mich so zerknirscht an und zuckte hilflos mit den Schultern. Das löst bei mir nur den Reflex aus ihn umarmen zu wollen. „Warum hast du dich nicht gemeldet? Klar war ich sauer aber wir hätten darüber reden können. Das du gelegentlich über’s Ziel hinausschießt weiß ich ja inzwischen. Wenn du dich überhaupt nicht mehr rührst, werde ich den Eindruck nicht los das es dir egal ist und du es daher nicht für nötig hältst dich zu melden“ “Das stimmt nicht!“ Sagte er leise während er immer weiter nach unten rutschte in seinem Stuhl. Gleich verschwindet er unter dem Tisch. Immerhin scheint er einzusehen, dass er es verbockt hat und wenn er mich so verunsichert ansieht, kann ich nicht länger sauer auf ihn sein. Ich wusste es, wenn ich ihn sehe, ist es vorbei mit sämtlichen guten Vorsätzen. „Kommst du heute Nachmittag zu dem Match?“ Kann ich es ihm überhaupt abschlagen wenn er so fragt? „Wenn es dich nicht stört schon“ Antwortete ich mit einem vorsichtigen Lächeln. Ein ganz klein wenig scheint sich die angespannte Stimmung zu lockern.
„Du kannst zu allen Spielen von mir kommen ohne mich vorher zu fragen. Ich würde mich freuen wenn du kommst“ Versucht er jetzt mich einzuwickeln? Seine Meinung ändert sich ja schnell, vor ein paar Minuten dachte ich es ist ihm lieber wenn ich verschwinde und jetzt soll ich doch zu dem Match kommen. „Ok“ Meinte ich und musste es mir verkneifen vom einen Ohr zum anderen zu Lächeln. So ganz langsam entspannte sich die Lage auch wenn es weit von dem wie früher entfernt ist. Immerhin blieb er hier bis er los musste wegen dem Spiel.
Rafa sah ich ja nicht mehr bis zu dem Spiel also hatte ich Zeit in Ruhe zu Essen und dann zur Anlage zu gehen. Es war schon richtig viel los, so viele Menschen auf einen Haufen sind immer erschreckend. Im Gang zum Players Restaurant tauchte Maymó plötzlich wieder auf, den hatte ich länger nicht mehr gesehen weil vorhin Costa erschienen war und Rafa abgeholt hat oder sollte man besser sagen befreit aus meinem Zimmer? Er kam näher und blieb vor mir stehen. „Und wie war’s?“ “Na ja, ich kann nicht hexen. Er redet zumindest mit mir“ “Ich wünschte ich könnte das selbe von mir behaupten. Er ist nicht wirklich begeistert darüber das ich mich eingemischt habe“ “Er sollte dir dankbar sein“ “Das werde ich ihm bei passender Gelegenheit schon noch unter die Nase reiben. Damit habe ich gerechnet, der beruhigt sich auch wieder. Ich meine, mich kann er nicht so leicht loswerden. Toni ist übrigens auch nicht begeistert. Ich glaube den stört es das er von nichts gewusst hat“
Ich rollte mit den Augen und fragte mich wer jetzt eigentlich nicht sauer auf jemanden ist. Wenn alle sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, hilft das auch niemandem. „Das wollte ich natürlich nicht“ “Er denkt das du Rafa nur noch mehr durcheinander bringst. Der weiß aber genau wie ich nicht genau was passiert ist“ Meint der das Ernst? Will er mir erzählen, dass Rafa nicht gesagt hat was genau los war? Sonst wertet Rafa doch auch jedes Detail mit seinem Team aus, dass scheint wohl nicht auf seine Privatangelegenheiten zuzutreffen. Was soll ich jetzt sagen? Ich zuckte nur mit den Schultern. “Mache dir keine Sorgen, dass regelt sich schon alles. Ich muss jetzt los, wir sehen uns später sicher noch“ Zum Glück musste er los. “Ja, bis dann“
Ich traute mich kaum in die Players Box. Wer weiß wie die auf mich reagieren. Erst passierte gar nichts, Toni erschien zusammen mit Costa und Maymó und setzte sich hin. Er grüßte mich und tat als wenn nichts gewesen wäre. Ich versuchte noch das einzuordnen als Rafa auf dem Platz erschien. Heute ist also das Halbfinale und David Ferrer hat die Ehre gegen Rafa spielen zu dürfen. Das sollte machbar sein für Rafa und Ferrer kennt er doch ziemlich gut. Bei den Buchmachern ist Rafa Haushoher Favorit auf den Turniersieg. Die letzten fünf Jahre hat Rafa hier gewonnen also erwarten das jetzt alle von ihm, möglichst noch ohne Satzverlust. Schön wär’s, er hat seit fast einem Jahr kein Turnier mehr gewonnen.
Muss hart sein für jemanden der sonst fünf oder mehr Turniere pro Jahr gewonnen hat. Spielerisch könnte Rafa locker gewinnen aber er hat ein Nervenproblem und schlägt sich praktisch immer selbst kurz vor dem Sieg. Vielleicht hat er jetzt hier auf Sand mehr Glück und gewinnt endlich mal wieder. Es sah doch gut aus, Rafa legte direkt los und angelte sich gleich am Anfang ein Break. Es lief zu gut, der erste Satz lief wie geschmiert und war auch ziemlich bald mit 6-3 zu Ende. Wenn Rafa es schafft im zweiten auch so zu spielen, schafft er es ganz entspannt ins Finale. Spannung kam nicht wirklich auf aber das ist mir lieber, ich kann tiebreaks auf den Tod nicht ausstehen. Früher konnte man davon ausgehen das Rafa gewinnt weil er so gut wie alle tiebreaks gewonnen hat aber inzwischen liegt dort seine größte Schwachstelle. Die Nerven spielen ihm da neuerdings einen Streich und er vergeigt alles. Dazu kam es glücklicherweise nicht. Man konnte Rafa schon ansehen, dass er um jeden Preis hier gewinnen will.
Im Finale war er schon mal, mit 6-2 war der zweite Satz auch keine große Anstrengung gewesen. Nach dem letzten Ballwechsel freute sich Rafa so als wenn er das Turnier schon gewonnen hätte. Oh weia, ein Turniergewinn scheint gut für sein Ego zu sein. Ich freue mich wirklich, dass er es ins Finale geschafft hat, vielleicht ist seine Laune jetzt auch besser.
Ob Rafa jetzt Zeit hat oder ob noch Termine sind weiß ich gar nicht so genau aber es dauert in jedem Fall noch eine Weile bis er im Hotel ist also ging ich alleine wieder zurück und ließ mir viel Zeit. Eine kleine Runde drehte ich noch über die Anlage aber da jetzt alle Menschen aus dem Stadion strömten, war es ziemlich überfüllt überall so dass ich schnell verschwand. Vielleicht hat er ja wenigstens heute Abend Zeit wenn es jetzt schon nichts wird. Ich telefonierte in meinem Zimmer mit Sara aber so viel konnte ich nicht berichten und das Spiel hatte sie über Internet auch gesehen. Nicht nur das Spiel, mich hat sie auch gleich mit gesehen. Die Hoffnung das Rafa mal ein Lebenszeichen von sich gibt er füllte sich leider nicht, er war auch drei Stunden nach dem Spielende nicht im Hotel.
Inzwischen fiel mir wieder ein das er nach dem Spiel noch trainiert also kann es dauern. Das zweite Halbfinale lief eben, vielleicht guckt er sich das auch noch an um zu sehen was oder wer ihn morgen erwartet. Na ja, ist ja egal ob ich hier vor dem Fernseher sitze oder bei mir zu Hause. Immerhin kam ich auf einen Kurztrip mal ans Mittelmeer, wenn ich doch nur Zeit hätte und länger hier bleiben könnte! Ein klopfen an der Tür riss mich aus meinen Gedanken also stand ich auf und lief zur Tür. Ohne vorher durch den Spion zu sehen öffnete ich die Tür und zog dann ein Lächeln. „Hey, ich dachte schon du kommst gar nicht mehr ins Hotel“ Rafa lächelte mich vom einen Ohr zum anderen an. Der Sieg scheint sein Ego ja ziemlich beflügelt zu haben. “Ich hatte noch die Pressekonferenz und das Training“ “Mhh“ Machte ich nur und lehnte mich seitlich an die Tür. „Hast du heute Abend Zeit? Ich habe jetzt noch ein Interview aber heute Abend habe ich Zeit. Ich dachte wir könnten vielleicht zusammen Essen gehen wenn du nichts dagegen hast?“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, er sollte mal nicht so förmlich tun! Oder hat er Angst sich eine Abfuhr von mir einzuhandeln? Er macht einen total eingeschüchterten Eindruck auf mich wenn er so übertrieben vorsichtig fragt.
„Von mir aus“ Meinte ich kurz und sein Gesicht entspannte sich sichtbar im nächsten Augenblick. “Ok, dann hole ich dich um acht hier ab“ “Mhh, geht klar“ Antwortete ich und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. “Dann bis später“ Ich sah ihm noch nach wie er den Gang entlang lief und dann ein paar Zimmer weiter verschwand.
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