„Ich habe über gestern Abend nachgedacht. Vielleicht hast du Recht und wir sollten wirklich getrennte Wege gehen“ Träume ich das gerade? Ich brauchte ein paar Sekunden um zu kapieren was er eben gesagt hat. Wieso spürte ich nur eben wieder diese unheimliche Wut in mir aufsteigen? Mir fiel es schwer nicht mit offenem Mund dazusitzen. Das ist ja echt irre, ich hätte mit allem gerechnet aber damit nie! Klar sagt man manchmal sinnloses Zeug aber Rafa sah gar nicht aus als wenn er mich nur ärgern will. Der meint das wirklich ernst! Außerdem hatte ich gestern gesagt, dass wir uns eine Weile aus dem Weg gehen sollten und nicht für immer, das ist ja wohl ein Unterschied.
„Ist das alles?“ Fragte ich distanziert und bemühte mich ruhig zu bleiben. Glaubt er, dass er mich abservieren kann wie es ihm gerade passt? Da ist er bei mir an der falschen Adresse. „Warum?“ Fragte ich mit einem gefassten Gesicht. Das wüsste ich dann schon gerne. Letzte Woche hat er mich noch halb angefleht das ich hier her kommen soll und jetzt überlegt er es sich wieder anders? Er zuckte mit den Schultern und biss auf seine Unterlippe. „Das war doch ausreichend genug gestern Abend. Wenn wir uns wegen scheinbar sinnlosen Dingen nicht einigen können, sehe ich keine andere Möglichkeit. Wenn es dir nicht gefällt, ist das eben so aber ich habe keine Lust mich deshalb von dir behandeln zu lassen als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Ich stehe dazu das ich das gemacht habe und ich lasse mir sicher von dir kein schlechtes Gewissen einreden“ Ich gebe zu das ich doch etwas in Rage geriet, wenn er so etwas sagt fühlt sich das richtig gut an.
Würgen könnte ich ihn und zwar so richtig! Kurz musste ich mich beruhigen und sah von ihm weg. „Wenn das so ist das du sowieso alle Entscheidungen alleine triffst hättest du mich ja gar nicht fragen müssen oder war das auch nur damit du deine Hände jetzt in Unschuld waschen kannst?“ Was glaubt der eigentlich wer er ist? Ich lasse mich doch von ihm nicht unterbuttern. Er sah von mir weg und reagierte gar nicht mehr. „Es tut mir leid“ Kam es plötzlich. Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Was denn genau? Wenn ich mich nicht beherrsche, springe ich auf und stürze mich auf ihn.
Das war mir entschieden zu viel also flüchtete ich wieder ins Bad. Das ist ja wohl echt die Spitze! Ich wusste gar nicht was ich zuerst denken sollte. Ich kann nicht glauben, dass er das Ernst meint das er Schluss machen will. Irgendwie dreht er wohl gerade durch. Das tue ich auch gleich, ich war viel zu wütend um die Tragweite des Ganzen zu begreifen. „Amaia“ Kam es leise von der anderen Seite der Tür. Was will er denn jetzt noch?
Ich blieb mit dem Rücken an die Tür gelehnt stehen ohne zu öffnen. „Verschwinde“ Rief ich laut und danach kam nichts mehr. Keine Ahnung ob er noch da ist oder ob er gegangen ist. Ich hoffe das er weg ist weil ich ihn nicht sehen will. Denkt er das er alles mit mir machen kann? So lasse ich mich ganz sicher nicht behandeln und von ihm schon gar nicht! Was mich am meisten aufregt ist das es ihm offensichtlich egal ist was ich dazu sage, er macht am Ende ja doch was er will.
Wenn er meint alles besser zu wissen muss er jetzt mit den Konsequenzen leben. Um das Video geht es doch schon lange nicht mehr, das war nur ein Aufhänger der in eine Grundsatzdiskussion ausartete. Ich musste hier weg und zwar dringend! Mit großem Schwung öffnete ich die Tür und stürmte ins Zimmer. Hatte ich nicht gehofft, dass er weg ist? War wohl ein zu schöner Traum denn er war noch da, er stand gleich neben der Badtür seitlich an die Wand gelehnt und sah mich vorsichtig an. Ich ignorierte ihn einfach und holte nur meine Tasche. „Amaia“ Ich blieb in sicherer Entfernung zu ihm stehen und schnappte nach Luft. „Du kannst dir deine Entschuldigung sparen. Ich lasse mich sicher von dir nicht so behandeln, dass ist echt das Letzte! Denkst du, dass du mich abservieren kannst wie es dir gerade passt? Mit dir bin ich fertig! Aber ist vielleicht gar nicht so dumm, es funktioniert ja offensichtlich sowieso nicht mit uns“
Ich dachte ja er sagt gar nichts aber das gefährliche Flackern tauchte wieder auf in seinen Augen. „Bueno, dann sind wir uns ja einig!“ Um nicht noch etwas Dummes zu tun drehte ich mich um und ging.
Ziellos irrte ich durch Barcelona und wusste nicht mal mehr wo ich genau bin. War auch egal, Hauptsache ich muss nicht nachdenken. Das war ein bisschen viel alles. Sicher dauert es ein paar Tage bis alles gesackt ist. Was neues war es ja nicht, an dem gleichen Punkt waren wir ja schon mal nur das es damals an mir lag. Es würde mich nicht wundern wenn Rafa dieses Mal nicht einlenkt. Er machte einen entschlossenen Eindruck auch wenn ich erst dachte das er es nur sagt um mich zu ärgern. Allmählich dämmerte es mir dann das er vielleicht keinen Scherz gemacht hat sondern das ernst meint.
Was mache ich eigentlich noch hier? Es ist ja wohl nicht erforderlich das ich noch länger hier bleibe. So einfach war es aber nicht, ich bekam keinen Flug eher! Da werde ich arm wenn ich von heute auf morgen einen Flug buche. Na schön, dann bleibe ich eben hier, sind ja sowieso nur noch drei Tage. Aber zumindest von dem Hotel muss ich weg. Unter keinen Umständen will ich Rafa sehen. Wie ferngesteuert lief ich am Nachmittag zurück zum Hotel und packte meine Sachen ein.
Zum Glück war ich alleine aber ich hatte nichts anderes erwartet. Als ich soweit alles eingepackt hatte, lief ich nochmal eine Runde um nachzusehen ob ich auch nichts vergessen habe. Sieht so aus als hätte ich alles also nichts wie weg! Mir doch egal was er denkt wenn er wieder kommt und sieht das meine Sachen weg sind. Kurz vor der Tür drehte ich mich nochmal um und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Unglaublich wie weit es in zwei Tagen kommen kann.
Innerhalb von Minuten ändert sich mein ganzes Leben aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken, später wird dafür noch genug Zeit sein. Nachdem ich tief durchgeatmet hatte öffnete ich die Tür und zu meinem Entsetzen stand Rafa direkt vor mir. Er sah kurz an mir nach unten und dann wieder in mein Gesicht. So richtig zu bereuen scheint er nichts wenn ich sein Gesicht richtig deute. Zu sagen habe ich ihm nichts mehr also lief ich einfach an ihm vorbei und tat so als wenn er nicht da wäre auch wenn es mir schwer fällt. Ich kann nicht glauben, dass er wirklich will das es so endet mit uns aber sein Blick machte schon deutlich das ich mir keine Hoffnungen machen brauche das er noch einlenkt.
Es ist ja nicht so, dass ich hier bleiben würde wenn er versucht noch was zu retten aber er scheint es nicht mal zu versuchen. Mit einem deprimierten Gesicht zog ich also meinen Koffer hinter mir her und machte mich auf zu dem anderen Hotel.
Vier Tage später war ich wieder zu Hause und fühlte mich erst Recht wie im falschen Film. Da ich die letzten drei Tage viel Zeit zum Nachdenken hatte, tat ich das auch ausgiebig. Die anfängliche Wut wandelte sich in Frustration und dann totale Niedergeschlagenheit. Wie gut das mich da niemand kannte, so fiel es nicht auf das ich den ganzen Tag nur im Hotelzimmer saß und geradeaus an die Wand starrte. Nach ein paar Tagen wurde mir klar was das alles bedeutet. Erst klammerte ich mich an die Hoffnung das Rafa es sich noch anders überlegt aber wer weiß ob das so gut wäre. Ich mache mich ja nur wieder abhängig von ihm. Außerdem weiß ich wie stur er ist, der sieht doch von selbst niemals ein, dass er einen Fehler gemacht hat. Es tut schon ziemlich weh auf welche Art das ganze geendet ist.
Niemals hätte ich geglaubt das es je soweit kommen könnte. Man sagt ja manchmal Dinge die man nicht so meint aber das war so verfahren alles. Mit dem Gedanke Rafa nie wieder zu sehen kann ich mich überhaupt gar nicht anfreunden. Obwohl ich total sauer auf ihn war, vermisste ich ihn schon nach zwei Tagen. Wenn wir uns nicht sehen können, telefonieren wir ja wenigstens aber es herrschte Funkstille. Einerseits war ich froh wieder zu Hause zu sein auf der anderen Seite nicht. Klar lenkt es mich ab weg zu sein von dem ganzen Chaos aber es holt mich sowieso wieder ein. Die große Entfernung zwischen uns macht es nur noch schwieriger. Durch die räumliche Entfernung steigen die Chancen, dass es das wirklich war.
Es ist ja nicht so das wir uns mal zufällig über den Weg laufen. So richtig geht das nicht in meinen Kopf rein was passiert ist. Ich kann und will mich damit nicht abfinden aber mir bleibt wohl keine Wahl. Ich bin auch zu sauer auf ihn um ihm das einfach so zu verzeihen. Ich lasse mich doch nicht einfach abschieben sobald ich nervig werde. Langsam kamen mir Zweifel ob er das wirklich ernst gemeint hat als er sagte das er mich liebt. Ist doch nicht normal das er innerhalb einer Woche so seine Meinung ändert. Ich komme mir echt verarscht vor, so beschissen fühlte ich mich schon lange nicht mehr. Er ist es nicht wert das ich wegen ihm Tränen vergieße auch wenn ich das tat.
Der Vorteil ist nur das niemand weiß warum ich mich so benehme. Meine Eltern sah ich gerade nicht und meine Arbeitskollegen wussten sowieso von nichts. Dummerweise hatte ich bevor ich nach Barcelona flog Sara davon erzählt. Die fragt doch mit Sicherheit wie es so war außerdem kennt sie mich zu gut. Die merkt sofort was los ist und ich bin nicht in Stimmung mit irgendwem darüber zu reden auch wenn sie mich vielleicht verstehen könnte. Da kommt nur alles wieder hoch und das zieht mich noch mehr runter.
Am Telefon konnte ich mich noch geschickt aus der Affäre ziehen aber sie meinte wir könnten uns ja mal wieder treffen. Tja, was sollte ich machen? Stimmt ja auch, ich kann und will ihr nicht ewig aus dem Weg gehen. Inzwischen war es ja auch egal, der Grund warum die Freundschaft zu ihr beinahe zerbrochen wäre hat sich ja in Luft aufgelöst.
Mit einem mulmigen Gefühl klingelte ich an ihrer Tür und wartete. Es dauerte auch gar nicht lange bis sie öffnete und mich rein ließ. Nachdem wir uns begrüßt hatten, lief ich von selbst ins Wohnzimmer und machte es mir bequem. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Es wäre alles so schön, wenn sie nicht an der Wand ein Foto von Rafa hängen hätte. Das war von der Siegerehrung in Indian Wells im letzten Jahr wie ich der Beschriftung entnehmen konnte.
Hinsehen konnte ich nur schlecht, ich fühlte mich sofort wieder an letzte Woche erinnert. Vor knapp zwei Wochen war ich ja mit ihm bei seinen Eltern und da hat er einen auf überglücklich gemacht und dann eine Woche später… Ich holte tief Luft und versuchte ruhig zu bleiben. Sara kam inzwischen mit Getränken rein die sie vor mir auf den Tisch stellte und setzte sich dann hin. „Jetzt erzähle doch mal! Ich meine etwas genauer als am Telefon. Was hast du denn genau gemacht in Barcelona?“ Tja, wenn sie so fragt, was habe ich eigentlich gemacht? Trübsal geblasen, ja das trifft es. Ich machte ein ernstes Gesicht und zuckte mit den Schultern.
„Nichts spezielles, ich war die Stadt angucken soweit es ging“ Sie sah mich ja erst so total begeistert und neugierig an aber inzwischen runzelte sie leicht die Stirn. „Aha“ Kam es erst mal nur. Die Stimmung wurde merkwürdig, ich will eigentlich gar nicht über Barcelona reden. „Amaia“ Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und sah sie an. „Mhh?“ Mir wurde dann erst klar, dass ich die ganze Zeit auf das Bild von Rafa gestarrt hatte. „Ist alles in Ordnung?“ Fragte sie dann mit einem besorgten Gesicht und sah mich fragend an. „Er hat Schluss gemacht“ Hörte ich mich selbst sagen und starrte wieder auf das Bild.
„Was?“ Fragte sie mit weit aufgerissenen Augen da sie wohl dachte ich will sie auf den Arm nehmen. Es war als würden wir über jemand anderes reden und nicht über mich. Ich schluckte und kämpfte mit meinen Emotionen. Was sagen konnte ich nicht also zuckte ich nur leicht hilflos mit den Schultern. Sie lief um den Tisch und setzte sich dann direkt neben mich. „Wie, er hat Schluss gemacht? Willst du mich verarschen? Falls ja, dann ist das ein ganz blöder Witz“ “Ist kein Scherz“ Antwortete ich leise und versank eben in meine eigene Welt. Mir fiel es Zusehens schwerer die Beherrschung zu wahren. Nach einer Weile merkte ich erst das sie ihre Hand auf meiner Schulter liegen hatte und wohl wartete bis ich etwas sage. Langsam drehte ich meinen Kopf und sah in ihr Gesicht. Ihr mitleidiger Blick war zu viel und brachte das Fass zum überlaufen.
Schnell drehte ich meinen Kopf von ihr weg und wischte mit einer Hand die Träne aus meinem Gesicht. Ein lautes schniefen konnte ich mir nicht verkneifen, spätestens jetzt weiß sie was los ist. „Was ist denn passiert?“ Fragte sie nach ein paar Minuten vorsichtig. Ich sah wieder zu ihr und konnte nur mit dem Kopf schütteln. „Ich weiß es nicht, es lief total beschissen“ War ja jetzt egal also konnte ich ihr auch alles erzählen. Da sieht man mal wo ein scheinbar harmloser Streit hinführen kann. Je mehr ich ihr erzählte, umso mieser fühlte ich mich aber ich konnte die Tränen sowieso nicht mehr zurückhalten. Es tat auch ganz gut mal alles rauszulassen. Ich war total durcheinander.
„Und seitdem hat er sich nicht mehr gemeldet?“ Fragte Sara dann als ich ihr alles erzählt hatte. Ich schüttelte verneinend mit dem Kopf und verschränkte meine Arme vor dem Bauch. Inzwischen herrschte eine Götterdämmerungsstimmung. Sie schnappte nur noch nach Luft und schien nicht zu wissen was sie dazu sagen soll. „Ich kann nicht wirklich glauben das er das ernst meint“ Meinte sie dann leise. Bei mir machte sich inzwischen wieder die blanke Verzweiflung breit, mir war schon richtig schlecht.
Da sie darauf wohl keine Antwort hatte, biss sie nur auf ihre Unterlippe und schüttelte fassungslos mit dem Kopf. Wahrscheinlich ist eben ihre heile Welt eingestürzt da sie wohl nichts schlimmes von Rafa denkt. „Das ist unglaublich“ Sagte sie dann leise als wenn sie es nicht glauben könnte. „Und jetzt?“ Eine gute Frage! „Nichts, Ende der Geschichte oder sollte ich sagen Albtraum?“ Sie umarmte mich und wollte mich wohl aufheitern aber das war schier nicht möglich. „Mensch jetzt lasse dich nicht hängen. Ich weiß das es doof klingt aber das geht vorbei. Als ich meinen ersten Liebeskummer hatte dachte ich auch ich muss vom nächsten Hochhaus springen“
Ja, sie hat gut reden, die ist ja auch nicht in meiner Situation. „Ich vermisse ihn“ Sagte ich leise und sah sie mit einem wässrigen Blick an. „Kann ich verstehen. Zwar kenne ich ihn nicht aber sowas hätte ich ihm nicht zugetraut. Vielleicht gibt es sich ja doch wieder. Ich meine, nach einer Weile wenn ein bisschen Gras drüber gewachsen ist“ Sie meinte es nur gut aber es war zwecklos. „Denke ich nicht, wir waren zwar schon mal in einer ähnlichen Lage aber das war etwas anderes und ich mache sicher nicht den ersten Schritt“ Sieht so aus als wenn sie auch keinen nützlichen Rat weiß aber vielleicht gibt es den auch gar nicht.
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