Mit der Ruhe war es tatsächlich bald vorbei. Wir warfen uns in Schale und dann ging es ab zum Champions Dinner. Es war so blöd geregelt, dass wir nicht mal mit Rafa an einem Tisch sitzen konnten aber das machen die immer so. Serena Williams hatte die Ehre neben Rafa zu sitzen da sie die Damenkonkurrenz gewonnen hatte und die restlichen Leute an dem Tisch waren alle vom Turnierveranstalter.
Der offizielle Teil lief etwas steif ab aber das hatte ich mir schon so gedacht und es gab sich dann und Rafa konnte sich dann auch abseilen zu uns an den Tisch. Es war ein bisschen verrückt so übertrieben vornehm gekleidet Champagner zu schlürfen. Ich fühlte mich wie in einem Traum, das muss sicher erst ein paar Tage sacken. Es klingt ja schon irgendwie verrückt wenn ich sage das mein Freund Wimbledon gewonnen hat und das schon zum zweiten Mal.
Es ist unfassbar, überall wo Rafa spielt gewinnt er auch, es scheint kein Ende zu geben. Jetzt kommt ja nach der Sommerpause noch Berlin und Cincinnati und dann das letzte große Turnier des Jahres, die US Open. Was wenn er da auch noch gewinnt? Der Gedanke ist verrückt aber so langsam wird es doch unheimlich und es gibt manchmal dumme Zufälle. Rafa denkt sicher noch nicht daran, der wird gedanklich schon in Südafrika sein.
Ich war gedanklich schon wieder zu Hause, zumindest hatten wir alles fertig gepackt und müssen theoretisch nur noch zum Flughafen fahren. Es war schon ein bisschen stressig mit dem Champions Dinner aber das nahmen wir natürlich gerne mit wenn wir die Möglichkeit haben denn wer kann schon von sich behaupten da dabei gewesen zu sein? Unsere Hektik scheint ansteckend zu sein denn plötzlich rannten Leute quer durch das Haus und packten ihre Sachen zusammen. Der Einzige den es nicht zu kümmern schien war Rafa. Er hatte noch den Anzug vom Champions Dinner an und machte einen unbeteiligten Eindruck, er fliegt ja auch erst morgen früh.
Das er im Türrahmen lehnte und mich beobachtete, machte es mir auch nicht einfacher alles einzupacken. Ich konnte meinen Blick kaum von ihm lösen, er sah direkt verboten gut aus auch wenn es vielleicht eine Spur zu vornehm ist. „Höre auf mich zu beobachten!“ Sagte ich und ging in Gedanken nochmal alles durch, ich müsste alles fertig gepackt haben, so viel war es nun auch nicht. „Warum?“ Fragte er mit einem breiten Lächeln zurück. „Das macht mich nervös“ “Ich mache gar nichts“ Da ich inzwischen fertig war, blieb ich direkt vor ihm stehen und umarmte ihn. Viel Zeit bleibt nicht, ich müsste eigentlich schon längst mit Sara auf dem Weg zum Flughafen sein.
„Du musst auch nichts machen, deine reine Anwesenheit reicht aus. Außerdem siehst du zu gut aus, ich kann kaum woanders hin sehen“ Er sah kurz an sich nach unten und dann wieder zu mir. „Jetzt übertreibe mal nicht. Ich kam leider nicht wirklich lange in den Genuss dich in dem Kleid zu sehen“ “Ich kann es auch nicht ändern das ich heute Abend fliege und ich kann schlecht im Abendkleid nach Hause fliegen. Ich bringe es nächste Woche mit nach Porto Cristo wenn es dich glücklich macht“ Sein Lächeln ging schon vom einen Ohr zum anderen. „Keine schlechte Idee“ Ich sah auf meine Uhr und hatte gar keine Lust mich jetzt von ihm zu verabschieden. Nachdem wir uns ja wirklich lange nicht gesehen hatten waren die letzten Tage richtig schön. „Ich muss los“ Sagte ich leise und sah in seine Augen. Wie schon erwartet verschwand sein Lächeln sofort. „Kann man eben nicht ändern, wir sehen uns ja nächste Woche“ “Du bist doch gut abgelenkt und es ist ja nur eine Woche“ “Stimmt ja aber ich habe trotzdem keine Lust dich gehen zu lassen“ Das er nicht will das ich gehe kann ich ja verstehen aber ich muss los und es nutzt nichts wenn wir es noch schlimmer machen.
„Wir sehen uns schneller wieder als dir lieb sein wird“ Sein Lächeln erschien dann doch gleich wieder. „Klingt schon besser“ Da er mich so ansah konnte ich nicht anders und küsste ihn spontan. Darauf stieg er nur zu gerne ein und ich kam gar nicht mehr von ihm los. Hätte ich gewusst das er plant mich aufzufressen, hätte ich ihn gleich auf Abstand gehalten. Je mehr ich mich darauf einlasse umso schwerer komme ich von ihm los. Bevor ich aber noch total vergesse wo ich bin, musste ich die Notbremse ziehen weil ich sonst nie mehr zum Flughafen komme. „Ich muss los“ Das er das nicht hören wollte sah ich schon aber es ändert nichts an den Tatsachen. Er löste sich von mir und holte tief Luft. „Ok, dann bis nächste Woche“ “Ich wünsche dir viel Spaß in Südafrika und übertreibe es nicht so mit feiern!“ “Meinst du heute Abend oder die Fußball WM?“ “Beides“ “Ich versuche es, telefonieren wir nochmal?“ Das muss er eigentlich nicht fragen weil wir es immer so machen das wir nochmal telefonieren wenn sich unsere Wege trennen und jeder woanders hin fliegt.
„Ich rufe an wenn ich zu Hause bin“ “Besser als gar nichts“ Da wir uns sonst im Kreis drehen, küsste ich ihn nochmal kurz und ging dann auch. Sara drehte schon am Rad weil ich so lange brauchte.
Buchstäblich in letzter Minute erreichten wir den Schalter zum Einchecken aber es klappte alles. Wenn man spät kommt, muss man auch nicht ewig auf den Abflug warten. Schneller als mir lieb war, fand ich mich zu Hause in meiner Wohnung wieder. Das Wochenende war ja total verrückt gelaufen und Sara hatte wohl noch gar nicht alles realisieren können. Bei mir wird es auch ein paar Tage dauern bis mir alles so richtig bewusst wird.
Die Woche danach war richtig schlimm, ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen auf Arbeit. Erst beschäftigte mich noch Wimbledon und dann die Gedanken an zwei Wochen Urlaub. Alleine das Wort klingt herrlich. Es ist ja nicht zu fassen das Rafa mal die zwei Wochen lang gar keine Termine hat, er will sich ja komplett ausklinken und auch nicht trainieren in der Zeit.
Zwar hat er eine Pause dringend nötig aber das er gar nichts macht ist mir neu. Er macht ja diese Woche auch nichts. Ich machte mir ja schon Gedanken um ihn wegen dem Termin bei seinen Ärzten aber er meinte es wäre gar nicht so schlimm gewesen. Das sagt er zumindest, ich weiß das er am Telefon immer alles beschönigt was Verletzungen oder Arzttermine angeht weil er glaubt das ich mir sonst zu viele Gedanken um ihn mache. Südafrika kam da gerade recht, da war er ja mehr als nur abgelenkt. Das er ein fanatischer Fußball Fan ist wusste ich ja schon aber es war schon extrem. In Deutschland war die Euphorie ja schon vorbei aber Spanien drehte total durch.
Er war ja mit seiner Schwester und seinem Vater nach Südafrika geflogen, das Fußball Gen scheint in der Familie zu liegen. Ich mache mir ja nun gar nichts aus Fußball daher war es vielleicht gut so, dass ich zu Hause geblieben bin. Ich würde doch alle nur nerven mit doofen Fragen. Meine Gedanken kreisten auch vorrangig darum was ich in meinen Koffer packe und nicht um Fußball. Ich packte schon immer ein paar Tage eher alles zusammen damit ich nichts vergesse. Die Woche schien nie zu vergehen aber plötzlich war es Samstag und ich auf dem Weg zum Flughafen. Endlich komme ich mal zwei Wochen raus aus dem Alltag. Rafa sehe ich zwar erst am Montag aber das trübte meine gute Laune nicht wirklich, ich war froh überhaupt nach Mallorca zu kommen.
Porto Cristo - Juli 2010
Nach einem eher unspektakulären Flug war ich kaum zwei Stunden nach dem Start schon am Ziel! Es kommt mir vor als wenn Mallorca gleich um die Ecke ist. Endlich bin ich wieder mal hier, es ist eine gefühlte Ewigkeit her das ich zuletzt hier gewesen bin. Rafa war ja bekanntlich nicht da also holte mich seine Mutter vom Flughafen ab und fuhr mich nach Porto Cristo. Ich hätte mich ja sowieso mit ihr treffen müssen da sie mir die Schlüssel zum Haus gegeben hat. Erst dachte ich sie ist auch so Fußballverrückt aber sie ist wohl sowas wie eine Ausnahme in der Familie Nadal, das beruhigt mich ungemein. Der Vorteil das Rafa nicht zu Hause ist liegt auch darin das ich ungestört meinen Koffer auspacken konnte, was ja nicht möglich ist wenn Rafa mich ablenkt.
Die Zeit bis zum Montagabend werde ich auf jeden Fall rumkriegen und es war ja schon früher Abend als ich in Palma gelandet war. Viel wurde ja nicht mehr, ich packte alles aus und versackte dann mit Rafa Maymó und seiner Freundin Nicole in einer Bar in Manacor. Mir kamen da wieder die Erinnerungen von dem gemeinsamen Ausflug in den Sinn aber die konnten sich offenbar auch vertragen. Der Sonntag begann dann früher als von mir geplant weil ich durch mein Handy geweckt wurde. Erst dachte ich es wäre etwas Dringendes als ich auf dem Display sah das Rafa anruft aber er war schon total hibbelig wegen dem Finale. Es war ja keine Zeitverschiebung nach Südafrika und weil er schon alleine bei dem Gedanke an das Finale einen Puls von 180 hat, ist er wohl um sieben früh aufgestanden und meinte mir das auch sofort mitteilen zu müssen. Er meinte es sicher nur gut aber manchmal könnte ich ihm etwas antuen.
Da freut man sich die ganze Woche darauf ausschlafen zu können und dann ruft Rafa an und weckt mich wegen nichts. Es war dann auch egal also konnte ich auch aufstehen und frühstücken. Machte nicht so richtig Spaß alleine in dem großen Haus aber die zwei Tage geht es schon. Lange war ich ja auch nicht alleine, da Nicole überraschend klingelte. Ich dachte mir nichts Schlimmes und drückte auf den Türöffner, vielleicht hat sie gestern Abend was vergessen. Wie ich von der Tür aus sah, brachte sie ein paar Schuhe mit. „Hi, lange nicht gesehen“ Sagte ich mit einem Lächeln und blieb in der Tür stehen. Sie umarmte mich kurz und lief dann an mir vorbei. „Hola, ich dachte schon du schläfst vielleicht noch“ Daraufhin konnte ich nur mit den Augen rollen.
„Das würde ich sicher auch tun wenn ich keinen Freund hätte der in aller Frühe hier anruft nur um mir dann zu sagen das er schon ganz schrecklich aufgeregt ist wegen dem Finale heute Abend“ Es dauerte gar nicht lange bis sie in schallendes Gelächter ausbrach. „Das nimmt ihn wirklich mit alles, no?“ “Frage nicht, Wimbledon ist gar nichts dagegen. Er schnappt schon über bevor es begonnen hat. Mir fehlt das Fußball Gen total, dafür hat Rafa anscheinend zu viel davon abbekommen“ Sie hielt mir die Schuhe hin und schien zu warten bis ich sie ihr abnehme. „Apropos, Dein Freund ist auch die Unordentlichkeit in Person“ Jetzt musste ich lachen, da erzählt sie mir nichts Neues. “Erzähle mir was Neues. Seine Mutter hat mir schon stundenlang Vorträge darüber gehalten. Er ist nicht nur unordentlich sondern auch unpünktlich und manchmal ein bisschen vergesslich. Wahrscheinlich weiß er schon gar nicht mehr wo er die Schuhe vergessen hat“ “Das haben Männer so an sich. Riecht es hier eigentlich nach Kaffee?“ Ich war etwas überrascht über die Frage aber das täuschte nicht. „Sí, ich mache eben welchen, willst du auch einen?“ “Wenn du sowieso dabei bist, nehme ich einen“ Ich drehte mich um und lief zurück in die Küche, Nicole mir nach.
„Ich dachte es gibt hier keinen Kaffee im Haus?“ “Wenn ich da bin schon“ Meinte ich nur und sah nebenbei auf die Kaffeemaschine. „Du hast dich ja schon richtig hier eingerichtet“ “Ich bleibe ja auch zwei Wochen hier und ohne Kaffee geht gar nichts“ “Man könnte denken du bleibst länger hier“ “Mal sehen, wenn ich könnte würde ich sofort hier bleiben“ “Du meinst für immer oder wie?“ “Mhh, arbeiten könnte ich auch hier“ “Stimmt!“ Sie setzte sich auf einen Barhocker und schien auf den Kaffee zu warten.
„Ich finde es schon stressig, dass mein Freund so oft unterwegs ist. Man gewöhnt sich an vieles und ich kenne es nicht anders aber es ist sicher noch schwieriger wenn jemand in einem anderen Land wohnt“ Tja, da sprach sie mir aus der Seele.
„Ist es obwohl es auch nur zwei Flugstunden sind. Der logistische Aufwand ist aber enorm, dass stimmt. Es wäre wesentlich einfacher wenn ich hier wäre. Rafa hat da ein bisschen verdrehte Ansichten sonst würde ich vielleicht in Versuchung kommen. Ich habe nur so aus Spaß und um meinen Marktwert zu testen ein paar Bewerbungen geschrieben. Ich hätte es nicht für möglich gehalten aber es wäre kein Problem für mich hier einen Job zu bekommen“ “Will Rafa nicht das du hier bist?“ “Doch aber er glaubt das es für mich ein zu großes Opfer wäre wenn ich hier her auswandere. Ich sehe das zwar nicht so aber der ist stur wie ein Esel. Er hat ein paar Mal gesagt, dass es ihm gefällt wenn ich hier bin aber wenn ich dann ernster auf das Thema eingehen will, macht er total dicht und blockt ab. Er müsste ja nicht mal was dazu beitragen, das wäre dann ja meine Sache“ “Vielleicht hat er Angst, dass du ihn verantwortlich machst wenn es schief geht“ “Eine Garantie gibt es nicht aber er wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen. Auf der anderen Seite jammert er dann rum, dass es so kompliziert ist mit den Flügen“ “Du musst warten bis er emotional auf dem Höhenflug ist. Vielleicht klappt es ja heute Abend mit der WM“ “Erinnere mich nicht daran! Wenn Spanien gewinnt, können wir ihn von Südafrika bis hier her jubeln hören. Dann kommt er sicher morgen Abend total ko hier an und das nicht wegen dem langen Flug“ “Ich habe schon gehört wie fanatisch er ist, ich habe ehrlich gesagt auch nichts am Hut mit Fußball“
Es gibt ja doch noch Leute deren Leben sich nicht den ganzen Tag um Fußball dreht! Da bin ich jetzt aber auch gespannt ob Spanien heute Abend Weltmeister wird. Das ist schon daher interessant weil ich ja dann morgen Abend Rafa wieder sehe. Wenn die heute verlieren, wird er todunglücklich sein und wenn sie gewinnen, wird er durchdrehen. Er ist ja sehr begeisterungsfähig daher bin ich da mal gespannt.
Langweilig wurde es mir jedenfalls nicht alleine. Nicole hatte mir ja angeboten abends zu ihr zu kommen aber das ging nicht da ich schon letzte Woche in England mit der Mutter von Rafa, Ana Maria, ausgemacht hatte das ich zu ihr komme. Sie ist ja alleine zu Hause daher passt das und wenn ich sie richtig verstanden habe, will sie die Gunst der Stunde nutzen und mit mir Essen gehen.
Ich lasse mich mal überraschen. Das ist praktisch, wenn wir alleine sind erfahre ich auch Dinge von ihr die sie nicht sagen würde wenn Rafa dabei wäre. Ich will sie ja nicht aushorchen aber Rafa liegt ja sowieso viel daran das ich mit seiner Familie klarkomme also wird es ihn nicht stören. Nicole kann ich ja auch am Montag einen Besuch abstatten. Rafa kommt ja erst abends an also habe ich da Zeit. Ich war praktisch ständig beschäftigt und kaum mal alleine. Es dauerte bis zum Montagnachmittag das ich mal eine Weile meine Ruhe hatte und da auch dazu kam mir den Wimbledon Pokal genauer anzusehen. Selbst jetzt da eine Woche vergangen war, konnte ich es noch gar nicht richtig fassen.
Es war so unreal alles und jetzt stehen hier schon zwei von den kleinen Nachbildungen. Das Original gibt es ja immer nur für die Fotos. Es ist erschreckend alle Auszeichnungen zusammen zu sehen dabei waren es nur die von den Grand Slams. Er hat ja noch unzählige andere aber ausgestellt sind nur die wichtigsten. Ihm fehlt jetzt nur noch der US Open Pokal in der Sammlung. Das ist das einzige Turnier was er noch nie gewinnen konnte und wie ich Rafa kenne, wird er jetzt seinen Fokus darauf ausrichten und alles dafür tun um in Besitz von diesem Pokal zu kommen.
Er hat mal gesagt es ist sein großer Traum irgendwann noch die US Open zu gewinnen, es wäre die Krönung seiner Karriere und er hat ja noch ein bisschen Zeit. Dieses Jahr ist schon so unheimlich das da vielleicht auch bei den US Open was gehen könnte. Im Halbfinale war er schon öfters aber er will den ganz großen Triumph in New York. Und selbst wenn er dort gewinnt, setzt er sich neue Ziele. Rafa gehört zu den wenigen Menschen die es immer wieder schaffen sich neu zu motivieren auch wenn sie scheinbar alles erreicht haben.
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