2 September 2010

Chapter 60

„Du sollst morgen nicht zu deinen Eltern fahren, ich habe sie für eine Überraschung eingespannt“ “Hä, wie jetzt?“ Fragte sie dann hörbar verwirrt. „Du kannst am besten gleich anfangen ein paar Klamotten einzupacken weil du morgen früh nach London fliegen wirst“ “Ja ja, schön wär‘s! Höre auf dich über mich lustig zu machen“ “Wenn du mir nicht glaubst, gehe mal in dein E-Mail Postfach, ich habe dir eben die Bestätigung für die Flüge geschickt. Die druckst du aus und fährst zum Flughafen damit, das gilt als Ticket“ “Eh, höre auf jetzt mir umsonst Hoffnungen zu machen! Ich finde das gar nicht lustig“ “Mensch Sara, das ist kein Witz. Ich weiß doch wie gerne du mal hier her willst. Ich konnte es nicht eher sagen weil ich warten musste ob Rafa auch im Finale ist. Ich meine das Ernst, ich habe Karten für das Finale Übermorgen. Also Karten nicht aber in der Players box ist noch Platz. Du musst dich um nichts kümmern, nur zum Flughafen fahren morgen. Am Sonntagabend fliegen wir zusammen zurück. Wenn du natürlich keine Lust hast, kannst du auch zuhause bleiben“ Eine Weile war es verdächtig ruhig in der Leitung. Ist sie schon umgekippt?
„Echt jetzt?“ Fragte sie dann ganz leise und etwas nervös. Ich musste wieder lachen und konnte mir schon ihr Gesicht vorstellen. Bestimmt schnappt sie eben hektisch nach Luft. „Echt! Du musst dir keine Gedanken machen, es klappt alles. Rafa wusste schon ein bisschen länger davon als du und seine Familie kommt auch am Sonntag also macht einer mehr auch nichts mehr aus“ Ein paar Sekunden passierte gar nichts. „Wenn du mich gerade veräppeln willst, bin ich dann aber so richtig sauer. Du weißt genau das ich gerne mal das Finale sehen will daher wäre es ganz besonders gemein wenn du mich auf den Holzweg führst“ Ich rollte mit den Augen und dachte schon sie glaubt es mir wirklich nicht. „Ich weiß, dass du da keinen Spaß verstehst. Rafa ist doch Schuld an allem. Ich wollte es dir schon letzte Woche sagen aber er kam auf die dämliche Idee es als Überraschung zu machen“ “Seit wann hörst du auf ihn?“ Ich musste Lachen und stand dann auf um ans Fenster zu laufen.
„Es ist vielleicht etwas spontan für dich aber du musst doch nicht viel packen“ “Hast du eine Ahnung! Da kann ich mich ja gar nicht richtig auf das Finale vorbereiten!“ Was meinte sie denn jetzt mit vorbereiten? Wenn sich jemand vorbereiten sollte dann Rafa, wir sitzen doch nur da und gucken ihm zu. „Auf was willst du dich vorbereiten?“ “Na alles so. Man geht doch nicht jeden Tag zu einem Wimbledon Finale. Vielleicht ist es gut so weil ich schon längst durchgedreht wäre wenn ich es eher gewusst hätte“ “Eben und es hätte ja sein können das Rafa schon vor dem Finale rausfliegt und dann wärst du doch total enttäuscht wenn er gar nicht spielt“ “Mhh“ Ich wunderte mich etwas, das sie so ruhig und gelassen blieb. „Kommst du nun?“ Nervte ich sie weiter.
„Ja klar, ich meine, das ist total verrückt. Klar freue ich mich, ich muss das nur erstmal sacken lassen“ “Gut, dann sehen wir uns ja morgen“ “Ich kann‘s noch gar nicht glauben, das kommt etwas überraschend“ “So überrumpeln wollte ich dich ja auch nicht aber es wird bestimmt aufregend. Ich bin schon ganz gespannt“ “Mhh, kann sein du wünschst dir noch mich nicht neben dir sitzen zu haben im Finale“ “Ach was, ich muss mich ja an jemandem festkrallen wenn es eng wird“ “Du müsstest dich mal reden hören. Vor einem Jahr hätte ich das für schlichtweg unmöglich gehalten das du mal freiwillig zu einem Tennisspiel gehst“ Ich sah ja nebenbei aus dem Fenster und da vor dem Haus ein paar Leute standen und aufgeregt tuschelten, wird Rafa nicht weit weg sein. “Die Zeiten ändern sich eben manchmal. Ich muss dann mal Schluss machen, wenn du noch Fragen hast wegen den Flügen oder so, können wir ja heute Abend nochmal quatschen“ “Ok, ich muss mich sowieso erst von dem Schock erholen“ “Dann bis später“ “Adíos bis später“
Ich steckte mein Handy wieder ein und dachte mir so, dass es nur eine Zeitfrage sein wird bis sie anruft. Vor Schreck fiel ihr wohl nichts weiter ein.

Um nachzusehen ob Rafa sich wirklich die Ehre gibt, lief ich in den Flur und sah ihn eben die Treppen nach oben kommen. „Auch schon da?“ Fragte ich breit grinsend und lehnte mich oben an das Geländer. „Du kannst froh sein, das es nicht über fünf Sätze ging, sonst wäre ich noch lange nicht hier“ Er küsste mich kurz im Vorbeigehen und verschwand in sein Zimmer also drehte ich mich um und lief ihm nach.
„Sara kommt übrigens“ Er drehte seinen Kopf zu mir und grinste mich breit an. „Bestand daran Zweifel?“ “No aber sie dachte ich will sie veralbern. Ich dachte ja sie fängt an laut zu schreien am Telefon aber es passierte gar nichts. Ich glaube das muss erst sacken, es war erst so ruhig das ich dachte sie ist umgekippt aber sie lebt noch. Sie meinte das sie gar keine Zeit hat sich mental vorzubereiten. Wahrscheinlich hat sie sich schon auf einen gemütlichen Nachmittag vor dem TV gefreut“ “Vielleicht war es doch ein Fehler sie einzuladen?“ Ich lief näher zu ihm und umarmte ihn.
„Sie wird später ausflippen, mir ist ja inzwischen bekannt das man hier kaum an Karten für das Finale kommen kann daher dachte sie wohl das sie mal nie hier her kommt“ “Tja, man muss nur die richtigen Leute kennen, no?“ “Stimmt, du hättest es aber nicht machen müssen. Ich wäre ja ohne dich jetzt auch nicht hier“ “Meine Familie kommt doch auch, das macht dann nichts mehr aus. Ich dachte wir wären darüber hinaus das du mir Vorträge hältst, dass du das alles nicht machst nur um an Karten zu kommen“ Ich musste Lachen und war froh, das er mir zuvor kam da ich sonst vielleicht wirklich noch sowas gesagt hätte. „Ich sage nichts mehr“ Meinte ich dann nur mit einem verlegenen Lächeln. Vielleicht nervt es ihn ja wirklich wenn ich sowas sage aber ich will ja nur klarstellen das ich es zu schätzen weiß, dass er mich immer einlädt.

Am nächsten Tag brach das Chaos dann vollends aus. Es kam zwar erstmal nur Sara aber es reichte schon aus. Da hatte ich direkt mal etwas anderes zu tun als nur die Zeit totzuschlagen wenn Rafa trainieren war. Sara war in so einer Art Schockstarre als sie ankam dabei wusste die da noch gar nicht, dass sie sich mit den Eltern von Rafa und der Familie von Toni ein Haus teilt auch wenn es nur für einen Tag sein wird. Das Haus wo Rafa logierte war nicht so groß das man da so viele Leute unterbringen kann also hat er nur für das Finalwochenende noch das Haus nebenan gemietet. Man kann leider auch nicht vom einen Haus zum anderen gehen ohne gesehen zu werden. Es stehen ja fast rund um die Uhr Fans und Reporter vor dem Haus. Rafa hat zwar so eine Art Abmachung mit den Medien, dass die ihn in Ruhe lassen vor dem Haus aber die sind ja trotzdem da.

Man merkte auch schon daran das es mehr Leute werden das wir Abends immer mehr Autos brauchten um Essen zu gehen. Es hat sich so eingeschliffen, das Rafa die letzten beiden Wochen jeden Abend in einem anderen Restaurant essen war. Ein bisschen zurückhaltend war Sara zwar noch aber es war nicht mit Rom vergleichbar als sie ja gar kein Wort rausbrachte wenn Rafa dabei war.
Es müsste sie doch freuen, dass sie praktisch mit Rafa essen geht, denn damit hätte sie ja vor 24 Stunden gar nicht gerechnet. Ich war auch froh, dass sie da ist weil ich nicht ständig über Fußball reden will und Rafa würde am liebsten von nichts anderem mehr reden. Der ist ja schon jetzt total aufgeregt wegen dem Finale in Südafrika dabei steht noch gar nicht fest ob Spanien ins Finale kommt weil die erst noch gegen Deutschland spielen müssen aber daran denkt er wohl gar nicht.

Sara kam gar nicht mehr aus dem Lächeln raus, es war wie eingemeißelt. Selbst als wir schon längst wieder in unserem vorrübergehenden Zuhause waren, strahlte sie weiter. Ich leistete ihr noch Gesellschaft da sie ja noch alleine ist in dem Haus. Rafa wird es nicht stören, der sitzt längst vor der Glotze und nimmt alles mit was über die Fußball WM zu sehen ist. „Der Tag war ja echt verrückt. Gestern ahnte ich noch nichts Schlimmes und jetzt bin ich hier. Ich komme gar nicht drüber weg“ Da musste ich jetzt aber auch lachen.
„Ich dachte mir das du dich freust“ “Klar, ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Es ist wie ein Lottogewinn, ich bin schon total gespannt auf das Finale morgen. Das kann ich erst glauben wenn es wirklich anfängt“ “Ein bisschen aufgeregt bin ich auch. Da wird dann hier auch ein bisschen Leben in die Bude kommen“ “Ja, wer kommt denn? Ich habe mich schon gewundert, dass hier das ganze Hause leer ist. Ist nicht nur für mich oder?“ “Nein, in dem wo Rafa sich breit gemacht hat ist nicht so viel Platz. Seine Eltern kommen morgen und die Familie von Toni“ Ein bisschen blass wurde Sara dann schon um die Nase.
„Ehrlich?“ “Ja aber die beißen alle nicht, du wirst schon klar kommen mit denen“ “Ok, wenn du es sagst…“ Das sie etwas nervös ist kann ich ja verstehen aber dazu besteht wirklich kein Grund. “Wenn wir in der Players Box sitzen, siehst du sie sowieso und morgen Abend sind wir doch nicht mehr hier“ “Es lohnt sich gar nicht richtig“ “Weiß ich aber es ist nun mal Wimbledon und nicht irgendein Turnier“ Aus mir unerfindlichen Gründen fing sie plötzlich wieder an so breit zu lächeln.
„Du müsstest dich mal reden hören. Ich erschrecke immer wenn du so selbstverständlich über Tennis redest. Rafa kann sich wirklich was einbilden darauf das er es geschafft hat dich doch noch dafür zu begeistern“ “Das war nicht so schwer und ich habe ja auch keine Wahl da es ihn nicht ohne Tennis gibt. Ich glaube er kann gar nicht anders, der wäre todunglücklich wenn er nicht Tennis spielen könnte. Ich habe mich anfangs manchmal gefragt warum er das macht. Manche machen es ja wegen dem Geld oder wegen dem Ruhm aber ich glaube er würde auch so spielen. Nur wegen Geld würde er sonst sicher nicht die negativen Seiten mit in Kauf nehmen“ “Erinnere mich ja nicht an die Knieverletzungen“ “Zum Beispiel. Zum Glück ist das so weit unter Kontrolle. Er hat zwar Probleme mit dem linken Knie aber das Match morgen hält er sicher aus und er fliegt ja sowieso am Montag nach Bilbao seinen Ärzten einen Besuch abstatten“ “Sage nicht er hat schon wieder eine neue Verletzung!“ “Nein, der Termin ist schon lange geplant“ “Ach so. Was machst du denn heute Abend noch?“
Tja, was mache ich wohl noch? Da hatte ich noch nicht so drüber nachgedacht aber viel wird nicht mehr werden, der Tag ist ja fast um. „Nichts Spannendes. Fußball kommt ja also kann ich mir selbst die Zeit vertreiben“ Ihr Gesicht war richtig gut, es sah aus als könnte sie es sich nur schwer verkneifen laut zu lachen. „Spanien spielt doch, was erwartest du?“ “Jetzt ja aber der guckt jedes Spiel, unabhängig davon wer spielt. Das ist doch nicht mehr normal!“ “Ist doch bald vorbei“ “Zum Glück! Wahrscheinlich ist ihm der Trip nach Südafrika nächste Woche wichtiger als das Finale morgen“ “Das kann ich mir nicht vorstellen“ “Du kennst ihn nicht gut genug“ Meinte ich nur mit einem wissenden Kopfnicken.

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