24 June 2010

Chapter 53

Der Perfektionist kam also wieder durch in ihm und ging er doch trainieren. Na wenn er meint, Zeit hatte er ja, das Finale beginnt 16 Uhr falls das Wetter mitspielt. Es sieht nicht gut aus, denn für den Abend ist Regen angesagt und das will niemand. Langweilig wurde es mir aber dank Sara nicht bis das Match anfing. Die Idee von Rafa sie hier her mitzunehmen war doch gut gewesen. Obwohl wir skeptisch waren ob das Match über die Bühne geht, waren wir pünktlich um vier auf unseren Plätzen in der players box.
Das ganze Stadion war ausverkauft, perfekte Kulisse für das Finale. Die Stimmung war auch entspannter als gestern vor dem Match gegen Gulbis. David Ferrer ist Rafa ja bestens bekannt und hinter vorgehaltener Hand zweifelte niemand an einem Sieg von Rafa. Ferrer ist gut aber für Rafa nicht gut genug. Öffentlich würde er das nie sagen aber es ist eine Tatsache und auch wenn Rafa seine Gegner nie unterschätzt, die Statistik spricht eindeutig für Rafa. Das Hauptproblem war aber im Moment nicht David Ferrer sondern das Wetter. Je länger das Match ging, umso dunkler wurde der Himmel. Es stand gerade mal 4-3 als die ersten Tropfen vom Himmel fielen.
Oh weia, das sieht gar nicht gut aus. Ich fürchte es wird nicht durchhalten bis zum Ende. Es ging noch bis zum 4-4 und 40-15 für Ferrer als ein weiterspielen unmöglich wurde weil es inzwischen regelrecht schüttete. Was für ein Drama, ausgerechnet zum Finale! Es nutzte alles nichts, Rafa und Ferrer packten ihre Sachen und verschwanden. Das taten wir auch nur das wir ins Restaurant gingen und nicht in den locker room. „Denkst du es hört nochmal auf?“ Frage Sara und sah skeptisch aus dem Fenster. „Ich hoffe es. Wenn es nicht bald wird, schaffen wir den Flug nicht mehr“ Wir hatten schon alles fertig gepackt und wollten eigentlich heute Abend über Barcelona nach Palma fliegen.
21:30 Uhr ist der Abflug in Rom aber wenn es nicht bald weiter geht, schaffen wir das gar nicht mehr. Sara hatte ja Glück, die hatte sowieso für morgen einen Flug gebucht weil heute Abend keiner mehr ging nach Düsseldorf. „Was passiert wenn es schief geht?“ “Dann kann Carlos Costa zeigen was er kann. Dann bleiben wir die Nacht noch hier und fliegen morgen“ “Muss schön sein wenn sich Leute um alles kümmern“ “In dem Fall ja, er kann sicher etwas drehen das wir morgen früh mit dem ersten Flug nach Barcelona hier wegkommen. Solche worst case Szenarien werden meistens mit eingeplant“ “Na hoffentlich ist es morgen Mittag zu Ende sonst kann ich nicht gucken. Ich hoffe er gibt ein bisschen Gas und braucht keine drei Sätze“
Ja, den Wunsch hatte nicht nur Sara, ich will auch nicht Mitternacht noch Tennis gucken oder warten bis es weiter geht. “Das hoffe ich auch nicht aber wer weiß wie ihm die Regenpause bekommt“ “Eigentlich kommt Rafa immer gut mit sowas zurecht. Zumindest bei den Spielen die ich gesehen habe war es so“

Etwas überraschend ging es nach 30 Minuten schon weiter. Das ging ja fix! Wir hatten uns auf eine längere Pause eingerichtet aber es hörte auf zu regnen auch wenn der Himmel noch Wolkenverhangen war und es so aussah als wäre das eben nicht der letzte Regen gewesen. Es begann also alles wieder von vorne. Die Zuschauer kamen langsam alle wieder und Rafa spielte sich derweil mit David ein.
Mal sehen wer jetzt den besseren Start erwischt. Ein wenig kam Ferrer ins straucheln mit seinen Aufschlägen, er schaffte aber das 5-4. Ich sah schon einen hässlichen Tiebreak auf mich zukommen aber Rafa schaffte bei 5-5 ein Break. Na das sah doch jetzt gut aus. Ich habe ein wirklich gutes Gefühl und bin relativ entspannt, das wird bei weitem nicht so eng wie gestern gegen Gulbis.
Das eigene Aufschlagspiel zog Rafa souverän durch und machte den ersten Satz 7-5 perfekt. Es lief perfekt aber alles Schöne hat mal ein Ende. Das kam unverhofft im zweiten Satz als Rafa eben ein Break zum 2-1 perfekt gemacht hatte. Es fing tatsächlich wieder an zu regnen! Wir mussten also wieder flüchten und fanden es dann nicht mehr zum Lachen. Es stand damit schon fest, dass wir noch eine Nacht länger hier bleiben.
Keiner weiß ob heute überhaupt noch gespielt werden kann also nutzte Carlos die Regenpause um die Flüge auf morgen umzubuchen. Zum Glück musste ich mich um nichts kümmern. Man muss es von der positiven Seite sehen, ich konnte so mal etwas Essen gehen mit Sara. Rafa sahen wir ja nicht aber er hatte sich mal telefonisch gemeldet aus dem locker room und meinte er würde jetzt mit Ferrer Fußball gucken. Ich dachte erst er will mich veräppeln aber das tat er nicht, im Gegenteil er meinte das er das Spiel gerne zu Ende gucken will, das sah ihm ähnlich! Fußball gucken kann er doch auch noch morgen. Es langweilte sich also niemand während der Zwangspause.

Nach um acht ging es erst weiter, es wurde schon langsam dunkel aber Flutlicht gab es hier zum Glück. Zur besten TV Sendezeit um 20:15 Uhr ging das Match also in die Verlängerung. Hoffentlich gibt es nicht noch eine Pause, es wird langsam schon lächerlich. Da Rafa eine überzeugende Vorstellung bot, machte ich mir auch keine Sorgen das ihn die zweite Pause aus dem Konzept bringen könnte. Ferrer kam gar nicht mehr rein in das Match, er machte nur noch ein Spiel zum 2-3 bevor Rafa davonzog und den Satz relativ entspannt 6-2 gewann. Die Freude war bei allen natürlich groß, nach Monte Carlo hat er jetzt gleich noch ein Masters Turnier gewonnen, langsam kommt alles wieder ins rollen.
Rafa freute sich natürlich wieder wie ein kleines Kind zu Weihnachten. Schon alleine um das zu sehen lohnt es sich die Matches zu gucken. Obwohl er schon so viele Turniere gewonnen hat sieht man, dass es nichts Selbstverständliches für ihn ist, er freut sich immer wieder als wäre es der erste Turniersieg. Da hatte sich der verkorkste Abend wenigstens doch noch gelohnt. Es war auch höchsten halb so spannend wie gestern aber das hatte auch schon ausgereicht.
Jetzt konnte sich auch Sara mal freuen, sie glaubte ja das Rafa immer verliert wenn sie da ist aber sie war ganz aufgekratzt und total aus dem Häuschen. Bis die offizielle Siegerehrung vorbei war warteten wir noch bevor wir unsere Plätze verließen und uns schleunigst auf dem Weg zum locker room machten. Wir müssen Rafa auf dem Gang abpassen weil wir ihn sonst ewig nicht sehen wenn er erst in der Pressekonferenz sitzt. Mit der Idee waren wir nicht alleine da ihm anscheinend jetzt jeder persönlich gratulieren will. Ich musste mich vorerst auf eine Umarmung beschränken weil Rafa gar keine Zeit hatte für lange Glückwünsche.

Da wir nicht warten wollten, machten wir uns auf den Weg zurück zum Hotel und setzten uns an den Pool. Jetzt wo alles vorbei ist regnet es natürlich nicht mehr. Da der Flug für heute auch ausfällt, haben wir jetzt also noch eine Nacht länger in Rom. Kommt mir auch gelegen, ich hätte keine Lust gehabt heute Abend noch quer durch Südeuropa zu fliegen. „Jenny sitzt bestimmt eben vor ihrem Rechner und machte fiese Screenshots von uns“ Kam es plötzlich total ernst von Sara.
Es kam so trocken, dass ich laut loslachte. „Lass sie doch wenn sie sonst keine Hobbies hat“ “Hoffentlich ist mein Gesichtsausdruck heute etwas intelligenter“ “Dich kennt doch niemand außerdem waren wir doch gestern aufgeregt“ Hinter einer großen Palme tauchte Rafa dann wie aus dem Nichts auf und kam im Dauerlauf direkt auf unseren Tisch zu gelaufen. Ein paar Meter hinter ihm waren Costa und Maymó und die scheinen so eine Art Verfolgungslauf zu machen. Im Vorbeigehen warf Rafa sein Handy bei uns auf den Tisch und rannte dann eine große Runde um den Rand vom Pool. Sara saß mit offenem Mund da und verfolgte gebannt das bizarre Schauspiel.
Mein Gesicht war sicher auch gut, was zum Teufel machen die da? Sind die nicht ein bisschen zu alt zum Fangen spielen? Kurz bevor Maymó Rafa zufassen bekam, sprang er in den Pool. Er hat nur vergessen sich vorher auszuziehen, mir war zumindest nicht erklärbar wieso er einfach in den Pool springt. Costa und Maymó standen am Rand und kringelten sich vor Lachen während Rafa mit einem eigenartigen Gesicht zum Rand schwamm. Toni traf inzwischen auch noch ein und der lachte auch schon so. Ich sah zu Sara und fragte mich ob ich eben bei der versteckten Kamera bin. Rafa kletterte aus dem Pool und zog eine Wasserspur hinter sich her bis zu unserem Tisch. Er sah wortwörtlich wie ein begossener Pudel aus.
„Zum Glück seit ihr hier sonst hätte ich mir jetzt ein neues Handy kaufen können“ Meinte er dann mit einem breiten Lächeln. Ich sah langsam an ihm nach unten und konnte nicht wirklich lachen. Er soll mir ja nicht zu nahe kommen solange er die nassen Klamotten noch an hat. „Würdest du uns bitte aufklären was das Theater zu bedeuten hat?“ Fragte ich dann ganz ruhig. “Die zwingen mich immer in den Pool zu springen wenn ich ein Turnier gewonnen habe, leider weiß ich aber vorher nicht wann genau“ Aus allem raus fing Sara plötzlich an zu lachen. Ich sah zu ihr und überlegte was so lustig ist. „Es tut mir leid aber er sieht zu komisch aus“ Meinte Sara nur und versuchte nicht total die Kontrolle über sich zu verlieren. Bevor ich daran denken konnte was Rafa als nächstes macht, kam er näher und wollte mich umarmen.
Geistesgegenwärtig sprang ich vom Stuhl auf und brachte mich in Sicherheit. „Geh weg“ Rief ich laut und lief vor ihm weg. „Ich will dich doch nur umarmen!“ Ich sah kurz auf die andere Seite vom Pool. Toni kriegte sich kaum noch ein vor Lachen, die haben hier alle eindeutig viel zu viel Spaß! „Erst wenn du dich umgezogen hast“ Antwortete ich aus sicherer Entfernung. „Spielverderberin!“ Kam es nur bevor er sich umdrehte und ins Hotel verschwand. Ich schüttelte nur mit dem Kopf und setzte mich wieder zu Sara an den Tisch. „Wie im Kindergarten ist das hier“ Meinte ich mehr zu mir selbst. „Geht das immer so?“ Fragte Sara dann nach einer Weile. Sie hatte sichtlich Mühe ernst zu bleiben, mal sehen wann sie wieder anfängt zu kichern. „Keine Ahnung, ich war nicht bei anderen Turniersiegen dabei und Monte Carlo war ganz normal. Manchmal glaube ich wirklich das er in großen Schritten rückwärts macht“ Inzwischen musste ich auch schon lachen.
„Fragt sich was er macht falls er Roland Garros gewinnen sollte…“ Oh Gott, daran möchte ich lieber gar nicht erst denken! „Dann rastet er wahrscheinlich vollkommen aus“

Zum Glück blieb ich dann von weiteren Ritualen verschont. Nachdem Rafa sich umgezogen hatte, gingen wir essen um alles etwas sacken zu lassen. Sara verhielt sich so ruhig, vielleicht war sie ja schon traurig weil das Turnier schon vorbei ist und sie Rafa dann nicht mehr sehen kann. Wenigstens kam sie zu ihren Bildern.
Nachdem sie sich erst nicht traute, hat sie dann doch gefragt ob sie ein paar Bilder mit ihm machen kann. Ich wollte sie ja eigentlich schon direkt nach dem wir wieder im Hotel waren fragen was los ist aber dann war Rafa der Meinung das ich auch noch am nächsten Tag mit ihr reden könnte.

Da ließ ich mich dann aber nicht mehr abhalten zu ihr zu gehen also lief ich am nächsten Tag direkt nach dem Frühstück zu ihrem Zimmer. Ein paar Minuten bleiben noch bis es zum Flughafen geht. Sie öffnete auch gleich die Tür als ich geklopft hatte. „Hi“ Sagte ich nur und zog ein breites Lächeln. „Hi“ Kam es etwas überrascht zurück, sie hat mich wohl nicht erwartet.
„Hast du jemand anderes erwartet?“ Fragte ich neugierig nach. „Nein, ich dachte nur wir sehen uns dann wenn wir zum Flughafen fahren“ Sie machte eine einladende Handbewegung also lief ich an ihr vorbei in ihr Zimmer. Sie hatte auch schon ihren Koffer gepackt wie ich gleich sah. „Ich wollte nur mal fragen ob gestern irgendwas war. Ich meine, du hast so einen nachdenklichen Eindruck auf mich gemacht“ Sie setzte sich hin und zog ein verlegenes Lächeln.
„Mir wurde nur klar, dass ich heute nach Hause muss“ Ich setzte mich auch hin und nickte dann mit dem Kopf da ich ja schon sowas vermutet habe. „Dachte ich mir“ “Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll aber die letzten Tage waren total abgedreht. Es wird so ein Hype um Rafa gemacht, dass man dann fast enttäuscht ist weil er auch nur normal ist. Er ist erschreckend normal, das sagen ja immer alle aber es ist was anderes das auch selbst zu sehen.
Ich frage mich wie der das aushält ohne durchzudrehen“ “Ich glaube er lässt es nicht so nah an sich ran alles. Ihm ist bewusst, dass es alles nur Show und Fassade ist. Wenn er öffentlich irgendwo auftritt oder wenn er Essen geht und da vielleicht noch andere Leute als die aus seinem Team dabei sind, weiß er was von ihm erwartet wird. Er ist ja fast schon überhöflich zu allen Leuten egal ob er sie kennt oder nicht, dass gehört einfach dazu. Ich weiß, dass er auch sehr gerne darauf verzichtet ständig im Mittelpunkt zu sein. Er ist den Umgang mit den Medien inzwischen gewohnt aber er würde wohl nie von sich aus vor eine Kamera rennen. Anfangs habe ich mich auch gefragt wie er es schafft nicht abzuheben, mir kam es immer so vor als wenn er ständig alles unter Kontrolle hat. Es gibt auch andere Seiten von ihm, die sieht die Öffentlichkeit aber nicht“ Ganz langsam erschien ihr Lächeln wieder.
„Ich weiß es zu schätzen, dass ich die Möglichkeit hatte ihn mal ein paar Stunden abseits des Turnierwahnsinns zu sehen. Das hätte ich vor einem Jahr schlichtweg nicht für möglich gehalten“ Wenn ich länger darüber nachdenke, ist es auch unglaublich alles. „Bedanke dich bei Rafa, er hat es eingefädelt“ “Du hast Recht“ “Ich dachte auch so manches nicht vor einem Jahr und jetzt sieh wo wir gelandet sind. So verzweifelt habe ich keinen Freund gesucht und an Rafa hätte ich als allerletztes gedacht. Es wäre mir ja nicht im Traum eingefallen ihn mit etwas anderem als Tennis zu verbinden, bis zu diesem schicksalhaften Tag vor fast einem Jahr in Porto Cristo. Ich dachte echt ich habe Halluzinationen als ich ihn in dieser Bar gesehen habe“ “Kann ich verstehen, das wäre mir sicher auch so gegangen“ Ich sah kurz auf meine Uhr und stand dann wieder auf. „Ich muss leider los, muss noch was einpacken“ “Bis gleich“

Ich hätte ja gerne noch mit ihr weiter geredet aber ich musste wirklich los. Es ging dann Schlag auf Schlag. Sara fuhr mit zum Flughafen, sie fliegt erst später und hat noch ein bisschen Zeit aber wir mussten uns beeilen. Sie fuhr nur schon immer mit weil sie sich so den Zubringer zum Flughafen sparen konnte und es kam ihr sicher auch gelegen wenn sie Rafa so lange wie möglich sehen kann.
Nach dem Check in trennten sich unsere Wege vorerst. Wenn ich in einer Woche wieder zu Hause bin, sehen wir uns ja wieder. An zu Hause wollte ich jetzt nicht denken, ich freute mich schon auf Porto Cristo, dort war ich schon viel zu lange nicht mehr und Rafa freute sich auch schon wenigstens mal für ein paar Tage zu Hause zu sein.

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