Am übernächsten Tag wollte Sara zu mir kommen. Sie war ja seit gestern wieder hier aber gesehen hatte ich sie noch nicht. Zwar hatten wir mal telefoniert und sie fragte wie es in Österreich war aber nun war's egal also spielte ich das Spiel weiter. Als sie am Telefon sagte dass sie wieder da ist und zu mir kommen will klang sie auch ganz normal also weiß sie wohl immer noch nichts. Ich räumte noch ein bisschen das Chaos in meiner Wohnung auf und lief zur Tür als sie klingelte. Ok, ganz tief durchatmen, alles wird gut! Nach ein paar Minuten kam sie die Treppen nach oben, mit einem für meinen Geschmack zu ernsten Gesicht. Ich versuchte das zu ignorieren und zwang mich zu einem lächeln. “Hey, lange nicht gesehen” ”Hi” Ich dachte sie fällt mir um den Hals aber sie lief an mir vorbei in meine Wohnung. Nichts Böses ahnend machte ich die Tür nach ihr zu. Sie zog ihre Schuhe aus und lief gleich ins Wohnzimmer. “Willst du was trinken?” Fragte ich von der Küche aus. ”Nein, ich bleibe nicht so lange” Ich goss mir selbst Wasser in ein Glas und lief dann auch ins Wohnzimmer. Warum blieb sie stehen und setzt sich nicht hin? Bevor ich dazu kam zu fragen was los ist kramte sie in ihrer Tasche und holte einen Zettel raus. Sie faltete ihn auseinander und gab ihn mir. Ich kam sofort ins schwitzen und griff danach. Im Bruchteil einer Sekunde war mir klar, dass mein Spiel aufgeflogen ist, auf dem Zettel war das gleiche Bild von Rafa und mir was auch schon in der Zeitung gewesen war. Oh weia, ein Albtraum wurde wahr! Ich wünschte mir dass ich auf der Stelle tot umfalle. In meinem Kopf begann sich alles zu drehen während mein Hals trocken wurde. Wie in Trance gab ich ihr den Zettel zurück und musste mich erst mal hinsetzen. Sara blieb stehen und sah mich nur an. Sie machte gar nichts, sie sah mich völlig gleichgültig an, dass machte mir wirklich Angst. Ich holte tief Luft und suchte nach den passenden Worten, sie fielen mir nur nicht ein also sagte ich nichts. Mein Kopf war total leer, ich war unfähig zu reagieren. Was sollte ich auch sagen? “Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du so etwas machen würdest. Ich meine, das Bild aus der Bar war eine Sache aber das ist echt nicht mehr zu Toppen. Du spielst mir wochenlang vor das du nach Österreich fährst zum Skifahren dabei fliegst du nach Mallorca. Ich dachte erst das muss ein Irrtum sein weil ich dachte, dass ich dich kenne aber das passt überhaupt nicht zu dir. Das du so was machst hätte ich dir nie zugetraut aber anscheinend bedeutet dir unsere Freundschaft nichts. Die sogenannte Freundschaft basiert ja sowieso nur auf Lügen. Weißt du überhaupt was Freundschaft ist? Ich will mich auch gar nicht weiter aufregen weil du es nicht wert bist. Von mir aus werde glücklich mit Rafa, es ist mir egal denn du bist die längste Zeit meine Freundin gewesen” Bevor ich etwas sagen konnte, ließ sie den Zettel auf den Teppich fallen und verschwand mit einem lauten Türknallen aus meiner Wohnung.
Minutenlang starrte ich auf das Bild was auf dem Teppich lag und dachte an gar nichts. Das war eben nicht wirklich passiert oder doch? Sie hat ja gar nicht hysterisch rumgebrüllt und dabei mit den Händen gefuchtelt wie sie es sonst immer tut wenn sie sich so aufregt. Im Gegenteil, sie war total ruhig als wenn nichts passiert wäre. Hat sie mir wirklich eben gesagt das sie nicht mehr mit mir befreundet sein will? Sollte so nach über 10 Jahren alles vorbei sein? Es geht doch nicht das man innerhalb von Sekunden eine jahrelange Freundschaft beendet. Das klang alles so unrealistisch, wie als wäre alles ein Spiel. Sieht so aus als hätte ich eben die Quittung für die letzten Monate bekommen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt! Da sie so ruhig war fällt es mir schwer zu glauben was passiert ist. Ich hatte es gewusst das es so kommt als ich noch in Porto Cristo war und darüber nachdachte was wäre wenn Rafa mich abserviert und Sara alles rausfindet. Der einzige Unterschied war das Rafa nicht mich abserviert hat sondern ich ihn. Obwohl, er war doch Schuld, hätte er nichts gesagt wäre alles anders gelaufen. Wenn ich an Rafa denke wird Sara plötzlich egal. Vor ein paar Wochen hätte ich nicht gedacht, dass es je zum endgültigen Bruch mit Sara kommen könnte aber es sah alles danach aus. So richtig schockiert mich das auch nicht, ich habe damit gerechnet und hatte mich moralisch darauf eingestellt was schlimmstenfalls passieren würde. Vielleicht zeigt sich auch erst in ein paar Wochen wie sich alles auswirkt, so richtig konnte ich es noch nicht fassen. Womit ich nicht rechnete war wie das mit Rafa endet. Das es so schnell endet hatte ich natürlich nicht gehofft und geahnt als ich nach Mallorca geflogen bin. Damals freute ich mich noch richtig darauf Urlaub zu machen und Rafa zu sehen. Meine Probleme schienen sich in Luft aufzulösen als ich am Flughafen war und auf den Flug nach Palma wartete. Damals dachte ich wirklich ich könnte vor meinen Problemen wegfliegen, dabei sollten noch viel größere auf mich warten. Tja, jetzt hatte ich Stress an allen Fronten und die Aussicht nach Mallorca zu fliegen könnte mich jetzt auch nicht aufheitern. Sicher würde ich da nur noch hinfahren um Urlaub zu machen. Macht aber alleine auch keinen Spaß. So nach und nach wurde mir klar wie irre der Gedanke war gleich auf Mallorca zu bleiben. Ich spielte ja mit dem Gedanke als ich noch in Porto Cristo war, da war ich aber so geblendet von Rafa das mir jedes Mittel recht war um in seiner Nähe bleiben zu können. Es war wohl so was wie die berühmte rosa Brille. Dauerhaft Auswandern hatte ich ja auch nicht vor aber zumindest bis Weihnachten, dann ist Rafa ja sowieso wieder unterwegs. Irgendwo hätte ich dort sicher arbeiten können die paar Monate, Rafa auf der Tasche liegen wollte ich ja auch nicht. Das er mehr als genug Geld hat weiß ich und er würde mir sicher auch welches geben aber dann würde ich mich fühlen als wenn er mich kauft und das ist keine gute Basis. Nun ja, der Traum war ja leider geplatzt. Vielleicht war es gut so, wer weiß was gewesen wäre wenn ich wirklich dort geblieben wäre und er hätte nach mehreren Wochen erst gesagt das er Zweifel hat. Dann hätte ich ein richtiges Problem gehabt.
Deutschland - November
Mitte November waren fast sechs Wochen vergangen seit ich in Spanien war und inzwischen bereute ich es doch. Von Rafa abgesehen hätte es mir eine Menge Stress mit Sara erspart wenn ich damals nicht nach Mallorca geflogen wäre. Hinterher ist man eben immer schlauer. Obwohl ich es für absolut undenkbar gehalten hatte machte Sara Ernst und meldete sich nicht mehr bei mir. Das war wirklich neu für mich, wir konnten erst kaum drei Tage voneinander getrennt sein.
Es war als würde etwas von mir fehlen aber irgendwie gewöhnte ich mich auch daran. Musste ich ja, ich hatte es selbst so kommen lassen und muss eben jetzt damit fertig werden und die Konsequenzen tragen. Was ich eigentlich mit den ganzen Lügen angerichtet hatte war mir jetzt so richtig bewusst. Sie hatte allen Grund sich nicht mehr zu melden.
Das sie es auch durchzieht zeigt ja wie verletzt sie war als sie alles erfahren hat. Ich war davon ausgegangen das sie irgendwann über ihren Schatten springt und sich doch meldet weil sie mich unbedingt über Rafa ausquetschen will. Sie wusste ja nicht das ich gar keinen Kontakt mehr zu ihm habe.
Fragt sich was schlimmer ist, dass Sara sich nicht meldet oder das der Kontakt zu Rafa abgebrochen ist. Er hat tatsächlich meinen Ratschlag befolgt und nicht mehr angerufen. Irgendwie hatte ich gehofft, dass er nicht locker lässt und weiterhin anruft aber nichts passierte. Mir war ja klar das es höchst unwahrscheinlich ist das er sich nochmal meldet aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Es war schon komisch kein Lebenszeichen mehr von ihm zu bekommen.
Er spielte ja nicht mehr also gab es auch keine Berichte und Fotos. Es war als wäre er vom Erdboden verschluckt worden. Sicherlich hätte ich es sowieso nicht fertig gebracht seine Spiele im fernsehen anzusehen, das würde nur zu viele Erinnerungen wachrufen. Sara nervte mich ja auch nicht mehr mit Geschichten über ihn, es kam alles zusammen. Plötzlich hatte ich viel Zeit für andere Freunde und neue Hobbies.
Es ist ja nicht so, dass ich keine Freunde weiter habe aber Sara war eben was besonderes, sie war wie eine Seelenverwandte. Nach und nach kam ich ins grübeln. Es war höchstwahrscheinlich ein Fehler das kurze Abenteuer mit Rafa über die Freundschaft zu ihr zu stellen. Sara kannte ich mein halbes Leben und Rafa nur ein paar Wochen. Das war mehr als dumm alles auf’s Spiel zu setzen nur damit ich Rafa sehen konnte. Das war echt ein Albtraum. Manchmal frage ich mich was ich getan habe das alles so kam.
Vor einem Jahr hätte ich nie geglaubt, dass ich Rafa mal kennen würde und schon gar nicht das er es schaffen würde die Freundschaft zu Sara zu zerstören. Ohne Sara wäre ich doch nie im Mai nach Mallorca gefahren und hätte Rafa wahrscheinlich nie kennengelernt.
Um mich abzulenken ging ich dann eben Freitags Abend mit anderen Leuten weg und auch nicht dort hin wo ich wusste, dass Sara da auch sein könnte. Ich musste es ja nicht zwanghaft auf ein Treffen mit ihr anlegen. Jetzt hatte ich auch genug Zeit mir Flirtopfer zu suchen.
Zeit hatte ich eine Menge und ich muss mir auch nicht überlegen was ich wem erzähle um nicht aufzufliegen. Es war kein Problem Typen zu finden die mich auf Drinks einladen oder die nur zu gerne mit mir flirteten weil sie sich wohl mehr erhofften. Es ist nicht immer von Vorteil wenn man genau weiß was man will und ich wusste genau was ich will. Oder besser gesagt wen! Eigentlich habe ich die Nase voll von dem ganzen Beziehungsmist.
Die können mir alle gestohlen bleiben. Ich sollte vielleicht das Ufer wechseln oder mich auf gar niemanden mehr einlassen. Wenn ich dann alleine in meiner Wohnung war und Zeit zum nachdenken hatte wurde mir nur klar, dass ich immer noch an Rafa hänge und dann wurde mein Frust noch größer. Ich wollte das ja gar nicht aber wenn ich jemanden sehe, ziehe ich gedanklich den Vergleich zu Rafa. Irgendwie vermisse ich ihn schon auch wenn ich es nicht wahr haben wollte.
Er kommt meiner Idealvorstellung von einem Mann näher als mir lieb ist. Das ich ihm nach sechs Wochen immer noch nachtrauere hätte ich nicht gedacht. Ich wollte ja auch nicht mehr an ihn denken aber das war ziemlich schwierig. Es würde mir ja schon reichen erst mal nur seine Stimme zu hören aber ich kann ihn doch nicht einfach anrufen. Seine Nummer habe ich noch und ich dachte auch schon öfters daran ihn anzurufen aber ich wollte es doch so! Ja mir war als ich das sagte das er nicht anrufen soll noch nicht die Tragweite des Ganzen bewusst.
Jetzt, sechs Wochen später, war ich schlauer und ein bisschen sauer auf mich selbst. Durch eigene Dummheit habe ich alles vermasselt. Klar war es übertrieben wie ich reagiert hatte auf seine letzte Äußerung in Porto Cristo aber ich suchte nur einen Aufhänger um mich abzuseilen und das war es dann eben. Vielleicht denkt er ja wirklich das ich nur wegen dem was er gesagt hat so reagiert habe. Ich machte mir schon länger ein paar Gedanken.
Bevor ich mich ganz auf ihn einlasse und dann alles schief geht, springe ich lieber ab so lange ich noch kann. Den Absprung hatte ich ja geschafft nur war ich jetzt auch nicht glücklich, im Gegenteil. Muss wohl so was wie Schicksal sein, es war doch schon mehr als Glück das ich Rafa in Berlin wieder gesehen habe.
Außerdem will er vielleicht gar nicht das ich ihn anrufe, ich würde mir da schon dumm vorkommen. Erst sage ich er soll nicht bei mir anrufen und dann rufe ich ihn an. Das geht ja nun wirklich nicht, am Ende denkt er noch ich weiß nicht was ich will.
Als ich an einem Freitag Abend Ende November mitten in der Nacht nach Hause kam, war ich mal wieder in einer Weltuntergangsstimmung. Alle hatten Spaß mich ausgenommen natürlich. Sinnlos betrinken brachte ja auch nichts außer Kopfschmerzen und zugucken wie alle um mich rum happy sind nutzt mir auch nichts. Es lag sicher an mir selbst aber mir war eben nicht nach Party, nur hatte ich mich überreden lassen und musste dann eben auch gehen. Eine Arbeitskollegin hatte Geburtstag und feierte in einem Club, da konnte ich nicht nein sagen, dass hätte doof ausgesehen wenn alle mitgehen und ich nicht.
Zu allem Überfluss war die Kupplerin vom Dienst, Nicole, wieder in absoluter Hochform. Die hat es echt drauf irgendwelche Typen von der Seite anzuquatschen und mit an unseren Tisch zu schleppen. Das heiterte mich aber auch nicht auf, ich habe keine Lust mit irgendwelchen Leuten zu reden die mir egal sind. Am Ende muss ich noch klar sagen, dass ich nicht beabsichtige meine Telefonnummer wahllos zu verteilen. Die meisten wurde ich auf die Art schnell wieder los, zum Ärger der anderen. Alle regen sich dann auf das ich die Stimmung versaue dabei wurde ich gezwungen mitzugehen. Man könnte das ganze Chaos ja festhalten also suchte ich mein Handy und machte damit ein paar Bilder von der ausgelassenen Runde.
Beim speichern der Bilder kam ich zufällig auf ein Bild von mir und Rafa. Das hatte ich am Pool gemacht an dem Tag als er so gefrustet war weil er nicht mehr spielen durfte. Nach ein paar Stunden verschwand seine Laune dann ja wieder. Das Bild war wirklich gut, es war zu gut, ich stand damals auf dem Rand vom Pool und Rafa hinter mir. So auf Verdacht hatte ich das Handy von mir weggehalten und war überrascht, dass es doch relativ gut geworden war.
Wenn ich jetzt so daran denke, werde ich nur wieder sentimental und zerfließe in Selbstmitleid. Am liebsten würde ich Rafa einfach anrufen, scheiß drauf was er sagt. Er kann von mir aus sagen was er will, Hauptsache er redet überhaupt mit mir.
Eigentlich wollte ich schon viel eher wieder nach Hause aber es dauerte bis um eins in der Nacht ehe ich mich erfolgreich abseilen konnte. Das Wetter passte zu meiner Stimmung, es war kalt und nebelig. Weltuntergang eben. Ich dachte an diesen verregneten Tag in Porto Cristo zurück, damals störte mich der Regen aber jetzt wäre ich lieber auf Mallorca.
Kein Wunder das ich wieder in einer üblen Laune war, dieses kalte und raue Klima vertrage ich ganz schlecht. Der einzige Lichtblick ist das morgen Samstag ist und ich da endlich ausschlafen kann. Zwar muss ich ein bisschen aufräumen und Ordnung machen weil meine Eltern morgen Abend zum Essen zu mir kommen aber es gab schlimmeres.
Es gab keinen besonderen Anlass, sie wollten mich einfach mal besuchen. Bestimmt sind sie wieder neugierig was ich mache und da ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, kommen sie eben zu mir.
Während ich gähnte suchte ich den Haustürschlüssel in meiner Tasche und freute mich auf mein Bett. Ich war jetzt schon müde, der Tag war lang, sehr lang. Ich war ja wie immer unter der Woche halb sieben aufgestanden und fühlte mich jetzt entsprechend ko.
Kalt war es mir auch in dem Kleid und meine Füße taten auch weh von den hohen Schuhen. Die Straßenlaternen warfen immer noch ein bisschen Licht durch die Fenster in den Hausflur also verzichtete ich darauf extra Licht anzumachen und lief im Dunkeln die Treppen nach oben zu meiner Wohnung.
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