Als ich am nächsten Tag aufwachte und neben mich sah, war Rafa dann immerhin da. Ich habe keine Ahnung wann er nach Hause gekommen ist. Es muss nach um zwei gewesen sein da ich kurz vor zwei nochmal auf Toilette war und da war er noch nicht da. Ich hatte mir ja erst vorgenommen nicht sauer auf ihn zu sein weil er den Jahrestag sozusagen verpennt hat aber das er den ganzen Abend lang nicht mehr aufgetaucht ist war alles andere als nett. Da bin ich ja mal auf seine Erklärung gespannt, die ich eigentlich gar nicht hören will. Es geht mir ja gar nicht darum das er auch mal alleine mit seinen Freunden weg geht aber dann soll er sagen wie lange es dauert das ich mir vielleicht auch was vornehmen kann und nicht ewig hier auf ihn warte nur um dann festzustellen das er die halbe Nacht weg ist.
Ein paar Minuten blieb ich ruhig liegen und beobachtete ihn beim Schlafen aber ich stand dann leise auf weil ich ihn nicht wecken wollte und ich würde nur ewig nachgrübeln im Bett. Ich ging duschen und machte dann schon immer mal das Frühstück. Kaffee trinkt er ja nie welchen aber er hat zum Glück welchen da wenn ich hier bin weil ich ohne Kaffee gar nicht in Gang komme früh. Irgendwann hatte ich aber Hunger und hatte keine Lust mehr noch länger zu warten also frühstückte ich eben alleine. Man hätte denken können er steht irgendwann mal auf aber es tat sich gar nichts. Ich überlegte schon immer wegen dem Mittagessen und da er wieder nichts Anständiges an Zutaten da hat, machte ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt. Zur Strafe gibt es eine Karibikpfanne heute Mittag. Das Rezept war zum Glück im Internet zu finden da ich es nicht im Kopf hatte und bei mir zu Hause liegt es gut.
Ich beobachtete die Hähnchenstreifen wie sie in der Pfanne brutzelten als ich von oben Geräusche vernahm. Ist er etwa doch noch aufgestanden? Ich sah kurz auf meine Uhr, halb 12. Am besten er kommt gar nicht erst nach unten da ich für nicht viel garantieren kann da ich sauer auf ihn bin. Kaum ein paar Sekunden später kam er anscheinend wirklich die Treppen nach unten. Ich sah ihn zwar nicht da ich mich nicht umdrehte aber ich hörte ihn ja daher war ich auch nicht erschrocken als er mich von hinten umarmte. „Hey, bist du schon lange wach?“ Kam es plötzlich ein bisschen zu begeistert direkt von hinter mir. Meinte er die Frage etwa ernst? Er versuchte auch mich zu küssen aber ich drehte meinen Kopf zur Seite und wich ihm aus. „Sieht wohl so aus“ Antwortete ich nur knapp und sah wieder in die Pfanne. Er ließ aber nicht etwa locker, er blieb so stehen und legte seinen Kopf von hinten auf meine Schulter. „Es tut mir leid“ Eigentlich hatte ich gar keine Lust jetzt auf das Ganze, ich kann nicht kochen wenn er mich von hinten umschlingt.
„Mir auch“ Antwortete ich kurz und tat als wäre er nicht da. „Amaia, ich meine das ernst! Es tut mir wirklich leid wie der Abend gestern gelaufen ist, ich wollte nicht so lange wegbleiben“ Ich holte ruhig Luft und redete mir selbst zu ganz ruhig zu bleiben. Ausflippen würde ich am liebsten und zwar so richtig! „No, du musst dich nicht entschuldigen. Mich stört es wirklich nicht wenn du die halbe Nacht weg bleibst ohne zu sagen wo du bist und wann du wieder hier bist. Es hat mir wirklich riesigen Spaß gemacht den ganzen Abend hier auf dich zu warten“ “Ich kann verstehen, dass du sauer bist, das war keine Absicht. Ich weiß, dass wir zusammen noch weggehen wollten aber ich habe total die Zeit vergessen. Es lässt sich jetzt nicht mehr rückgängig machen. Ich habe um zwei Training aber dann habe ich Zeit, wir können ja heute Abend was zusammen machen“ Denkt er, dass er so einfach davon kommt? „Würdest du mich bitte ansehen wenn ich mit dir rede?“ Fragte er dann plötzlich da ich nicht reagierte. „Warum? Von mir aus kannst du auch heute Abend Golf spielen gehen. Ist ja nur noch heute und morgen bevor du nach Madrid fliegst und keine Zeit mehr dazu haben wirst“
Ohne das er noch ein Wort sagte verschwand er wieder. Jetzt war ich erst so richtig auf 300. Er denkt ich lasse ihn so davonkommen! Das war echt unterste Schublade was er gestern gemacht hat. Er hätte ja sagen können als er anrief das ich nicht auf ihn warten soll aber nein, er tat so als wäre er praktisch schon da und dann kommt er erst Stunden später.
Eigentlich war es so gedacht, dass wir zusammen Essen aber er war ja weg. Ich dachte erst er wäre oben aber seine Trainingsklamotten waren weg und sein Lieblingsauto auch also wird er wohl in Manacor bei dem Tennisclub sein. Na ganz toll, jetzt war ich wieder alleine hier! Kann sein das ich zu hart zu ihm war aber ich konnte nicht anders. Ich fühle mich irgendwie verarscht von ihm. Es ist ein saublödes Gefühl das er mich hier hoffnungsvoll warten lässt. So schnell wird er nicht wieder kommen, wenn er um zwei trainiert, ist er vor um vier nicht wieder hier. Den ganzen Tag hier rumsitzen wollte ich auch nicht also ging ich alleine zum Strand. Ich falle nicht so sehr auf alleine also ging ich gleich hier in Porto Cristo zum Strand. Da bin ich schon nur ein paar Tage hier, da sehen wir uns trotzdem nicht, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich will ja gar nicht mit ihm streiten aber er provoziert mich regelrecht dazu. Um vier ist er sicher noch nicht da also blieb ich bis halb fünf am Strand und lief dann langsam zurück.
Es wurde um fünf bis ich bei seinem Haus war und sein Auto stand in der Einfahrt also ist er hier. Ich holte nochmal tief Luft und ging dann rein. Im Haus war alles ruhig, ich sah mehr nebenbei, dass er auf der Terrasse saß. Gleich neben dem Haus war ein Pavillon mit einer bequemen Sitzecke und dort hatte er es sich wohl bequem gemacht. Duschen musste ich mich sowieso also tat ich das gleich bevor ich wieder nach unten ging. Wir hatten uns doch lange genug angeschwiegen. Kurz sah er zu mir als ich auf die Terrasse kam aber er sagte nichts und blieb mit einem todernsten Gesicht sitzen. Sein nachdenklicher Blick verunsicherte mich schon, das war der gleiche Blick wie in Barcelona als er mich abserviert hat. Obwohl ich ein flaues Gefühl im Magen hatte setzte ich mich neben ihn und sah ihn an. „Ich will nicht das wir uns jetzt anschweigen“ Sagte ich leise. Er drehte seinen Kopf leicht und sah mich direkt an. „Du willst doch nicht mit mir reden“ “Es tut mir leid, ich war nur so sauer auf dich. Ich meine, erst sagst du wir gehen zusammen weg und dann lässt du mich hier hängen und kommst erst mitten in der Nacht. Ich habe ja gar nichts dagegen wenn du mit deinen Freunden weg gehst und ich muss auch nicht überall dabei sein aber du hättest wenigstens sagen können, dass ich nicht auf dich warten soll“ Er sah nach unten auf seine Hände und kaute auf seiner Unterlippe.
„Ich weiß, dass ich es vermasselt habe und mir tut es wirklich leid. Wir sehen uns ja nicht so lange daher will ich nicht mit dir streiten. Ich kann es jetzt aber nicht mehr rückgängig machen also musst du mir das jetzt nicht ständig vorhalten“ Da er mich so deprimiert ansah, konnte ich nicht länger hart bleiben also rückte ich näher an ihn und umarmte ihn. Mit dem Blick kriegt er mich irgendwie immer. „Ich wollte auch gar nicht so extrem reagieren. Es ist nur so, dass es gestern ein Jahr her ist das wir uns kennengelernt haben“ War jetzt auch egal also konnte ich es ihm auch sagen. Sein Gesicht war richtig gut, ich konnte ihm förmlich ansehen, dass er nicht daran dachte und jetzt das entsprechende Gesicht zieht. Er schlug sich die Hände vors Gesicht und schüttelte langsam mit dem Kopf als wenn er es nicht fassen kann. „Oh shit! Das habe ich total vergessen und ich gehe auch noch in aller Ruhe Golf spielen!“ Ich wartete erstmal bis er sich von dem Schock erholt hatte und zog dann ein Lächeln. „Jetzt ist es zu spät um es zu bereuen. Ich dachte du kommst von alleine drauf!“ Er umarmte mich dann und schien es immer noch nicht glauben zu wollen. „Warum hast du nichts gesagt? In Rom habe ich auch noch darüber nachgedacht und dann verpenne ich das! Ich wäre mit Sicherheit nicht Golf spielen gewesen wenn es mir eingefallen wäre. Das du so sauer bist kann ich verstehen“
Langsam wurde mein Lächeln breiter, ich war wirklich froh das es sich klärte. „Ich dachte schon du ziehst eine Runde Golf vor“ “Natürlich nicht, ich kann nicht glauben das ich das wirklich vergessen habe. Du hättest was sagen sollen“ “Wollte ich ja daher habe ich dich gestern als wir am Strand waren auch gefragt welcher Tag ist aber du hast so getan als wenn nichts wäre und das hat mich geärgert deshalb habe ich nichts gesagt“ “Und wenn wir so tun als wäre gestern heute?“ Fragte er dann ganz hoffnungsvoll, das brachte mich nur noch mehr zum Lachen. „Ist jetzt auch egal oder wie? Wenn du mir versprichst heute Abend nicht wieder zu verschwinden können wir das so machen“ Sein Lächeln wurde gleich wieder breiter. „Ich stehe dir bis morgen Mittag zur Verfügung. Wir können hinfahren wo du willst“ “Auch Formentor?“ Fragte ich mit einem breiten Grinsen.
„Wenn es sein muss“ Kam es nur leise. War ja nur Spaß weil ich nur sehen wollte wie er reagiert. „Hast du eigentlich einen neuen Fernseher? Ich war zu Tode erschrocken als da plötzlich Videos aus dem Internet auftauchten“ Das kam mir so völlig spontan in den Sinn daher sah er mich auch so merkwürdig an. „Den habe ich noch nicht so lange. Ich kam noch nicht dazu mich genauer damit zu befassen. Damit soll man angeblich auch 3D Filme angucken können“ Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus! „Was hast du mit dem alten gemacht?“ “Den habe ich zu meiner Schwester nach Barcelona geschickt“ “Wenn du wieder einen aufgenötigt bekommst und ihn nicht haben willst, schicke mir auch mal einen“ “Von mir aus, ich brauche jedenfalls keinen mehr“ Da bin ich ja mal gespannt wie lange es dauert bis Rafa wieder mit der neuesten Technik zugeschüttet wird.
Ich hätte es nicht für möglich gehalten aber er blieb tatsächlich hier. Normalerweise muss er die Tage generalstabsmäßig planen um alle Termine zu schaffen. Hoffentlich sind wir dann auch wirklich alleine heute Abend, nicht das er noch auf die Idee kommt Maymó oder noch mehr Leute einzuladen. Da wir nicht den ganzen Abend hier bleiben wollten dachten wir uns wir könnten ja auch zu der Bar gehen wo sozusagen alles angefangen hat. Ich hatte extra in weiser Voraussicht auch ein Kleid in meinem Koffer gepackt. Es ist nur leider unmöglich das anzuziehen ohne sich dabei zu verrenken. Ich konnte mich krümmen wie ich will, an den Reißverschluss auf dem Rücken komme ich nicht ran alleine. Eigentlich wollte ich nicht das Rafa mich sieht bevor ich das Kleid an habe aber es nutzt ja alles nichts also lief ich die Treppen nach unten und hielt nach ihm Ausschau.
Sein Gesicht war sehr schön als er mich bemerkte, man könnte denken es hat ihn eben der Blitz getroffen. Er sah mich an als wäre ich das achte Weltwunder, ich fühlte mich ja geehrt aber er soll mal nicht so tun als wenn er mich noch nie in einem Kleid gesehen hätte. „Du kannst den Mund wieder zu machen, es zieht“ Meinte ich dann nur frech und drehte ihm meinen Rücken zu. „Davon abgesehen könntest du so nett sein und mir mit dem Reißverschluss helfen“ “Beim an oder ausziehen?“ Kam es sofort von hinter mir. Ich musste Lachen und schüttelte mit dem Kopf. „Es wäre vielleicht angebracht wenn ich etwas anziehe wenn wir weg gehen wollen“ “Sicher, ich würde dich sowieso nicht zu knapp bekleidet aus dem Haus lassen“ Was wird denn das jetzt? Kommt jetzt so eine Eifersuchtsnummer? Da er inzwischen den Reißverschluss hochgezogen hatte, drehte ich mich um damit ich in sein Gesicht sehen kann.
„Hast du etwas gegen knappe Klamotten?“ “Solange du sie hier an hast nicht. Ich will ja nicht, das die halbe Welt dich nackt sieht“ Rafa erinnert mich an meinen Ex Freund. Dem konnte es auch nicht kurz genug sein solange er es nur sieht. Wenn jemand anderes auch Spaß hat daran hörte der Spaß auf für ihn. „Du kannst dich entspannen, ich hatte nicht vor heute FKK zu machen“ Er blieb stehen und kaute schweigend auf seiner Unterlippe während sein Blick langsam an mir nach unten wanderte. „Du siehst wirklich umwerfend aus“ Kam es dann mit einem schüchternen Lächeln und einem total faszinierten Blick. Jetzt wurde ich wohl doch ein bisschen rot im Gesicht. „Gracias“ Antwortete ich nur da mir nichts Besseres einfiel. Es macht mich richtig nervös wenn er mich so mustert.
„Wären wir nicht schon zusammen, würde ich dich sofort ansprechen. Der Neid der anderen wird mir sicher sein. Ich denke du hättest die freie Auswahl und könntest dich nicht retten vor Verehrern wenn ich nicht dabei wäre“ Jetzt wurde es mir aber doch unangenehm. Er stand zwar vor mir aber es war immer noch etwas Abstand zwischen uns also umarmte ich ihn und zog ihn näher an mich. „Das ist mir egal, ich mache das nicht für die anderen sondern für dich“ Langsam wurde sein Lächeln wieder breiter und er schien sich aus der Schockstarre lösen zu können. “Ich fühle mich geehrt. Es klingt blöd aber du bist die schönste Trophäe von allen. Ich würde alle Turniersiege inklusive der Grand Slams eintauschen um dich zu bekommen. Ich quatsche dummes Zeug, no?“
Ich war erstaunt über seinen letzten Satz und musste spontan kichern. Ich hätte ihn schon viel eher unterbrochen aber ich war gerade so darauf gespannt zu hören was er als nächstes sagt. “Kann man so sagen“ “Eigentlich wollte ich nur sagen das ich es durchaus zu schätzen weiß das du mit mir zusammen bist“ Ich war direkt für einen Moment sprachlos. Was ist denn jetzt plötzlich los mit ihm? Er soll mal nicht so tun als würde ich ein so großes Opfer bringen weil ich mit ihm zusammen bin. Ich weiß auch so, dass er mich nicht als selbstverständlich betrachtet.
Zwar sehen wir uns nicht so oft aber er gibt mir trotzdem das Gefühl das ich jederzeit mit ihm reden kann. Manchmal kommt mir das alles ein bisschen spanisch vor. Da ich nicht wusste was er noch sagt, wollte ich das Thema wechseln. Ich muss es nur schaffen ihn dabei nicht vor den Kopf zu stoßen da er anscheinend eben auf dem sentimentalen Trip ist. „Lass uns gehen“ Sagte ich dann nur. Er lächelte wieder vorsichtig und sah an mir nach unten. „Ich ziehe mich nur um“ Als nächstes küsste er mich kurz und war dann auch schon verschwunden. Ich zog meine Sandalen an und wartete immer an der Tür auf ihn.
27 July 2010
19 July 2010
Chapter 55
Als wir endlich mal aus dem Knick kamen und am Hafen eintrafen, waren wir sogar die Ersten. Es war so gedacht das wir uns an der Anlegestelle treffen und ich dachte schon wir wären spät dran. Zu meiner Beruhigung bleibt mir auch der Jet-ski erspart. Sah aus als würden wir mit einem Motorboot fahren, das erscheint mir etwas sicherer als der Jet-ski. Vielleicht sollte ich Rafa nicht noch auf dumme Gedanken bringen. Maymó ist noch unpünktlicher wie Rafa und das ist wirklich eine Leistung. 15 Minuten später als ausgemacht erschien er endlich mal mit seiner Freundin Nicole. Ich weiß nicht ob ich es mir nur einbildete aber es herrschte eine merkwürdige Stimmung auf dem Boot. Rafa verhielt sich normal aber sein Physio würdigte seine Freundin keines Blickes.
Wüsste ich nicht, dass die zusammen sind, würde ich denken die hassen sich gegenseitig. Vielleicht haben die sich ja gestritten und ich kann ja schlecht fragen, ich wollte nicht die Stimmung total ruinieren. Das hatte sich Rafa sicher anders vorgestellt, er hatte ja den Einfall Maymó mitzunehmen. Erst dachte ich wir fahren in eine einsame Bucht und springen vom Boot aus ins Wasser aber es gab in besagter Bucht auch eine Anlegestelle also konnten wir uns an den Strand legen. Es hätte so schön sein können… wäre da nicht die angespannte Stimmung. Ich war heilfroh als Maymó endlich mal ins Wasser ging, Nicole auch aber in weiter Entfernung. Da wir jetzt mal alleine sind, rückte ich näher an Rafa und sah dann kurz zu Nicole. „Bist du dir sicher, dass die zusammen sind?“ Fragte ich skeptisch. „Wieso?“ Fragte Rafa mit einem breiten Lächeln zurück.
„Die reden kein Wort miteinander“ “Die sind seit vier Jahren zusammen. Vermutlich gab es Stress“ “Vermutlich? Wenn Blicke töten könnten… die bringen sich gleich um, so sieht es jedenfalls aus“ “Ich hatte mir das auch anders vorgestellt. Als ich ihn vorhin angerufen habe um zu fragen ob sie mitkommen tat er als wenn alles normal wäre“ Ich kam gar nicht zum Antworten da ein hysterisches Schreien ertönte. Wortlos drehte ich meinen Kopf zur Seite und sah zu wie die angeblich Verliebten sich vermutlich hässliche Schimpfwörter gegenseitig an den Kopf warfen. Ich verstand zwar nichts weil es wieder mal mallorquí war aber es ist vielleicht besser so. Es war schon bizarr, die Landschaft war traumhaft und dann das laute Geschrei. Ich musste mich beherrschen nicht zu lachen weil ich es irgendwie amüsant fand. „Das ist nicht komisch“ Kam es dann nur streng von neben mir. Ich schluckte und schielte aus dem Augenwinkel zu Rafa.
So hatte ich mir das vorgestellt! Ich dachte ja, dass ich mit Rafa mal alleine bin und jetzt sitzen wir hier und gucken zu wie Maymó mit seiner Freundin streiten. Hoffentlich kommt es bei uns nicht auch mal so weit. Zwar hatte ich mit Rafa auch schon die ein oder andere Meinungsverschiedenheit aber so extrem artete das nie aus. Ich flüchte dann eher als mich auf eine Diskussion einzulassen. Man dachte ja das die sich gleich an die Gurgel springen, ich kenne Maymó gar nicht so, er macht sonst einen ruhigen und vernünftigen Eindruck. Das scheint aber gewaltig zu täuschen. „Warum streiten die eigentlich?“ Fragte ich dann ernst. Rafa hat vermutlich auch keine Ahnung aber er versteht doch was die sich gerade lautstark an den Kopf werfen. „Ich glaube es ist die alte Leier das er nie da ist“ Woher kam mir das nur bekannt vor? „Ich denke die sind seit vier Jahren zusammen? Ist sie das nicht gewohnt das er so oft weg ist?“ “Schon aber ab und zu beschwert sie sich eben, ich kann’s teilweise verstehen. Ich weiß, dass mich keine direkte Schuld trifft aber am Ende hängt es an mir und welche Turniere ich spiele. Mein Team muss sich eben danach richten auch wenn ich mich nicht besonders gut fühle wenn ich sowas dann sehe“ “Es ist ja nicht deine Schuld wenn die das nicht unter sich regeln können“ “Und jetzt?“ Ich sah zu Rafa und zuckte mit den Schultern.
„Na ja, scheint mir nicht so als wenn die sich wieder beruhigen würden“ So falsch war meine Einschätzung der Lage wohl nicht da Nicole plötzlich anfing hektisch ihre Sachen zusammen zu packen. Wenige Sekunden später rauschte sie mit einem verbissenen Gesicht an uns vorbei und lief direkt zum Boot. Maymó lief hinter ihr her und redete auf sie ein aber sie kümmerte sich nicht darum. „Sie will zurück fahren“ Meinte Rafa dann leise zu mir und rollte mit den Augen. Das sah ich auch, sie saß inzwischen im Boot mit verschränkten Armen und sah stur geradeaus. „Das heißt wir können auch unsere Sachen packen“ Meinte ich dann mehr feststellend und stand von meinem Handtuch auf um es zusammen zu legen. Zwar wäre ich gerne noch hier geblieben aber es bringt nichts, die bringen sich wirklich noch um. „Das hat sich ja richtig gelohnt jetzt“ Meinte Rafa dann und stand auch von seinem Handtuch auf. „Ist vielleicht besser, ich meine bevor es noch total eskaliert“ “Du meinst es macht einen Unterschied ob die sich hier umbringen oder in Porto Cristo?“ “No aber da sind wir nicht dabei“
Es war kaum zu glauben aber es war nicht mal eine Stunde vergangen seit wir losgefahren waren in Porto Cristo und jetzt sind wir schon wieder zurück! Da drängt sich mir die Frage auf warum die mitgekommen sind wenn die dann sowieso nur streiten, die hätten in Manacor bleiben sollen dazu. Zum Glück dauerte die Rückfahrt nicht lange da die paar Minuten nicht nett waren. Vorhin redete Maymó ja wenigstens noch aber jetzt sagte keiner mehr einen Ton von mir und Rafa abgesehen. Ich war froh als Maymó und Nicole zu ihrem Auto liefen und wir von den restlichen Diskussionen nichts mehr mitbekommen. Glücklich war ich natürlich nicht darüber wie das gelaufen ist, es drückte alles ziemlich auf die Stimmung.
Rafa war auch verdächtig still geworden, er musste zwar auf die Straße sehen aber es sind ja nur wenige Kilometer vom Hafen bis zu seinem Haus. „Was machen wir jetzt?“ Fragte er dann als wir in der Nähe von seinem Haus waren. „Ich weiß nicht, gibt es hier noch einen anderen Strand? Wir können auch an den Pool gehen wenn du keine Lust hast an den Strand zu gehen“ “Strände gibt es hier genug“ Meinte er nur mit einem breiten Lächeln. „Dann fahre irgendwo hin aber nicht zu dem wo man erst ewig laufen muss durch den Wald“ “Genau da wollte ich hin!“ “Wir werden auch noch einen anderen finden“
Knapp 15 Minuten später hielt er an und wir stiegen aus dem Auto. Ich sah mich kurz um und klemmte mir ein großes Handtuch unter den Arm. Es sah mir wieder nach so einem verlassenen Insidertipp aus. Vom Parkplatz aus war gar kein Strand zu sehen, nur Felsen und das Meer aber ich springe sicher nicht von den Felsen ins Meer! „Gibt’s hier auch Sand?“ Fragte ich ohne vorher nachzudenken und in der nächsten Sekunde rollte er auch schon mit den Augen.
„Warte doch erstmal ab!“ Gut, ich sagte also nix mehr und lief ihm einfach nach. Der angebliche Strand stellte sich dann als größere Felsspalte raus wo einfach Sand dazwischen lag. Ich schätze die Ausmaße so in etwa auf 20 x 40 Meter und das schärfst war, das dort schon jemand war! Da saß eine Gruppe Rentner, die hatten sich alles Mögliche mitgebracht von Kühlboxen und Sonnenliegen über unzählige Schirme und Handtücher. Die Schirme standen alle direkt zusammen so das eine Art Dach entstand. Ich konnte mir ein feixen nicht verkneifen als ich das sah. Gesehen hatte ich sowas schon öfters in Italien aber hier vermutet man das nicht unbedingt.
„Sieht so aus als wären wir nicht die Einzigen“ Meinte ich dann nur und guckte ob da jemand auf uns reagiert aber die schienen uns gar nicht zu bemerken. „Scheint so aber jetzt sind wir sowieso schon hier“ War jetzt auch egal also breiteten wir in sicherer Entfernung unser Zeug aus und machten es uns dann unter dem Schirm bequem. Ich sah auf mein Handy um auf die Uhr zu sehen und hatte mal wieder keinen Empfang. So kann wenigstens keiner stören. „Ich glaube ich muss mir mal ein neues Handy kaufen. Das blöde Ding hat keinen Empfang“ “Meins auch nicht. Wenn du ein neues willst, kannst du dir bei mir eins aussuchen. Ich habe eine Menge rumliegen zu Hause“ “In der Rumpelkammer oder wo?“ Sein Lächeln deutete ich als ein ja. Ich weiß, dass er in einer Art Abstellkammer alle Mögliche hortet. Er hebt ja von jedem Outfit eins auf und auch von Rackets mit denen er ein wichtiges Turnier gewonnen hat. „Wo soll ich sonst hin damit? Ich kriege ständig welche geschenkt zu allen möglichen Anlässen. Die Leute denken sie tun mir einen Gefallen aber ich habe keine Lust ständig alles neu zu programmieren. Meine gesamte Familie ist schon auf dem neuesten Stand aber irgendwann will die keiner mehr haben“ “Ich kann ja mal unauffällig gucken. Da bist du ja jetzt gar nicht zu erreichen“ “Ein schönes Gefühl“ Er sagte das so begeistert, das ich spontan Lachen musste.
Eine Weile beobachtete ich Rafa aus dem Augenwinkel und überlegte. Hat er wirklich keine Ahnung was heute für ein Tag ist? Ich lege ja gar nicht so einen übertrieben gesteigerten Wert auf sowas aber wenn er gar nix weiß, gibt mir das schon ein bisschen zu denken. „Weißt du eigentlich welcher Tag heute ist?“ Hatte ich dann auch schon gefragt ob wohl ich es nicht wollte aber ich konnte mich nicht mehr zügeln. Ich hatte gehofft, dass ich ihn nicht daran erinnern muss. Er zog dann auch ein entsprechend verwirrtes Gesicht und sah mich merkwürdig an. „Dienstag wieso?“ Ok, das war dann wohl eindeutig, er hat keinen Schimmer! „Ach, nichts Wichtiges weiter. Was machen wir eigentlich heute Abend?“ Ich fragte das natürlich nicht so rein zufällig, es sollte nur so klingen. „Mal sehen, ich wollte eigentlich noch eine Runde Golf spielen gehen, wir können ja danach noch zusammen wohin gehen wenn du Lust hast“ Ich hatte Mühe mir nichts anmerken zu lassen. Ich hasse Golf und er weiß das, der kann doch nicht allen Ernstes heute Golf spielen gehen! „Mhh“ Machte ich dann nur und versuchte mir nichts anmerken zu lassen.
Eine Weile herrschte dann Stille, ich las Zeitung und Rafa schlief wohl oder sowas ähnliches. Er lag zumindest auf dem Bauch und hatte seine Augen geschlossen. Ich werde ihn sicher nicht nochmal daran erinnern was heute für ein Tag ist. Wenn er von selbst nicht darauf kommt, kann ich es auch nicht ändern. Kann sein ich bin dann sauer aber da muss er durch. Ich sah ein paar Minuten schweigend in sein Gesicht und dachte mir dann, dass man wohl nichts anderes erwarten kann von einem Mann. Er hat wahrscheinlich unzählige andere Termine im Kopf. Ich habe ja nicht wirklich was geplant für heute Abend aber ich dachte zumindest das er da bleibt.
Er kann ja Golf spielen gehen aber nicht heute Abend! „Gehst du mit ins Wasser?“ Fragte ich dann um auf andere Gedanken zu kommen. Er blinzelte mich mit einem Auge an und zog dann ein Lächeln. „Eigentlich habe ich keine Lust aber ich komme mit weil du es bist“ Ich schüttelte mit dem Kopf und zog ihn an der Hand hoch. „Ich fühle mich geehrt“ Ein paar Minuten später stand ich bis zum Bauchnabel im Wasser. Es war nicht wirklich kalt, man muss sich nur daran gewöhnen. Trotzdem stand ich auf Zehenspitzen und fuchtelte mit den Armen um nicht umzufallen. Rafa war schon längst abgetaucht und er tauchte für meinen Geschmack zu nah neben mir wieder auf. „Wenn du so weiter machst, ist es dunkel bevor du im Wasser bist“ Meinte er mit einem frechen grinsen.
Ich konnte nicht an mich halten und spritze mit meiner Hand Wasser zu ihm. Das sollte sich als großer Fehler rausstellen da er plötzlich hinter mir herrannte und mich nassspritzen wollte. Ich lief laut kreischend vor ihm weg und hielt mir dann eine Hand vor dem Mund damit mich nicht die ganze Insel schreien hört. Ich kam natürlich nicht weit bevor ich total nass war. „Das hörte sich eben an als wenn ich dich umbringen würde!“ Ja ja, er hat gut lachen. „Mache nur so weiter“ Meinte ich nur und drehte mich um. „Es tut mir leid“ Da ich nicht reagierte, umarmte er mich von hinten. Wie gut das mir das Wasser nur bis zu den Achseln ging, sonst würden wir vielleicht noch untergehen. Ich rollte mit den Augen was er wahrscheinlich gar nicht sah und musste dann aber doch wieder lächeln. Da ich in sein Gesicht sehen wollte, drehte ich mich um und legte meine Arme um seinen Hals. „Du ärgerst mich zwar immer aber ich liebe dich trotzdem“ Sein Lächeln ging gleich vom einen Ohr zum anderen.
„Ich dich auch. Ich dachte schon mir passiert das nie mehr“ “Was, das du dich verliebst?“ “Sí, ich dachte erst ich habe eine ansteckende Krankheit als ich dich kennengelernt habe weil ich mich so komisch fühlte. No, Spaß bei Seite, ich hatte das Gefühl schon richtig vermisst. Ich dachte zwar schon mehrmals, dass ich mich verliebt habe aber vielleicht lag ich da auch falsch“ “Das kann man nie so genau wissen“ Meinte ich mit einem todernsten Gesicht und musste dann aber kichern. Er wollte mich wohl in die Seite zwicken aber der gewünschte Effekt blieb aus da wir ja im Wasser waren. „Ich meinte das ernst!“ Sagte er dann noch und nickte eifrig mit dem Kopf. „Du kannst mir heute Abend zeigen wie ernst du es meinst“ Ich wollte ja nur sein grinsen sehen und lange warten musste ich nicht. Mit so einem Spruch kann ich ihn wohl zu jeder Tageszeit begeistern. „Sind wir alleine?“ Ich sah an ihm vorbei zum Strand, er stand ja so das er den Strand nicht sehen kann im Moment.
Natürlich waren wir nicht alleine. Die lustige Rentnergruppe machte nicht den Eindruck als wenn die bald verschwinden würden, die hatten es sich für längere Zeit bequem gemacht. Zwar beachteten die uns nicht aber wer weiß wie lange das so bleiben würde wenn wir nicht nur friedlich planschen. „Denke nicht mal daran“ Antwortete ich nur trocken. „Das war eine ganz normale Frage“ “Natürlich“ Er kam näher und küsste mich kurz bevor er mich wieder so frech angrinste. „Du interpretierst die Situation falsch“ “Dann müsste ich des Öfteren die Situation falsch interpretieren“ “Das habt ihr Frauen so an sich“ Kam es frech zurück. Mir blieb fast der Mund offen stehen! Der traut sich ja wirklich was! Bevor ich auch nur irgendwie reagieren konnte, löste er sich von mir und schwamm in Richtung Strand.
Ich bequemte mich auch aus dem Wasser und lief wieder zu meinem Handtuch zurück. Rafa war ja ein bisschen schneller gewesen und er lag auf seinem Handtuch und grinste mich frech an, er kann es anscheinend gar nicht erwarten was ich jetzt mit ihm anstelle nach dem Spruch eben. Ich machte es mir neben ihm bequem und sagte erstmal nichts. Es machte mir Spaß so zu tun als wenn nichts wäre, ich weiß ja das er das nur im Spaß gesagt hat. „Es tut mir leid“ kam es plötzlich leise nach ein paar Minuten. Ich musste mich beherrschen nicht laut zu lachen. „Mhh“ Machte ich nur und blieb mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegen. Zwar kann ich ihn momentan nicht sehen aber damit wird er sich wohl nicht zufrieden geben. Ein paar Sekunden später spürte ich einen Schatten über mir.
„Schläfst du?“ Fragte er plötzlich. „No, ich versuche nur braun zu werden, das kann ich aber nicht wenn du im Weg bist“ Da ich zu neugierig war, blinzelte ich mit einem Auge. Er lehnte halb über mir und sah mich mit großen Augen an. Wenn ich das Gesicht richtig deute, überlegt er allen Ernstes ob ich das eben ernst gemeint habe, dass er verschwinden soll damit ich braun werde. Damit er nicht wirklich noch auf dumme Ideen kommt, legte ich einen Arm um seinen Hals und zog sein Gesicht näher zu meinem. Unsere Nasen müssten sich schon fast berühren, seine Haare hingen zumindest teilweise in meinem Gesicht aber das störte mich nicht wirklich. „Ich kann auch später noch braun werden, ich meine wenn wir uns nicht sehen“ Eigentlich wollte ich noch mehr sagen aber sein Blick verschlug mir die Sprache, zum Glück lag ich schon da ich immer ganz nervös werde wenn er mich so mustert. Mir wurde das dann zu heiß, er machte gar nichts aber so wie sein Blick über mein Gesicht wanderte war das nur eine Zeitfrage.
„Höre auf!“ Sagte ich ernst und schluckte erstmal. Ich musste erstmal tief Luft holen da ich jegliche Kontrolle über mich verliere wenn er mich so ansieht wie eben. „Ich mache gar nichts!“ Kam es mit einem ernsten Gesicht zurück. Leider konnte ich nicht mehr länger an mich halten, also legte ich den anderen Arm noch um seinen Hals und küsste ihn dann sanft. Mir war da schon fast entfallen wo wir eben sind, das fiel mir erst Minuten später wieder ein als ich schon halb über ihm lag und erstmal Luft holen musste um wieder klar denken zu können. Seine Hände auf meinem Hintern halfen mir nicht gerade dabei auf anständige Gedanken zu kommen. Mal wieder verfluchte ich das wir am Strand sind, wenn ich ihn küsse kann ich nicht mehr aufhören damit und das ist ganz schlecht. Dann denke ich nur darüber nach was ich theoretisch alles mit ihm anstellen könnte. „Wir sollten in Zukunft nicht mehr alleine zum Strand gehen oder wenn dann wohin wo wir auch alleine sind“ Sagte ich ernst und strich ihm seine Haare langsam aus dem Gesicht.
Langsam erschien sein freches grinsen wieder. „Vorhin hast du noch ganz empört reagiert“ “Habs mir anders überlegt“ Damit ich nicht wirklich noch etwas unkluges tue, legte ich meinen Kopf an seine Schulter und umarmte ihn soweit es ging. Das muss vorerst reichen, mehr als umarmen und ein paar Küsse ist im Moment nicht angebracht und es ist besser als gar nichts.
So viel war von dem Tag aber nicht mehr übrig das wir lange am Strand bleiben konnten und er wollte ja noch Golf spielen also räumten wir zum zweiten Mal heute unsere Sachen wieder zusammen und fuhren zurück nach Porto Cristo. Irgendwie hatte ich gehofft, das er es sich nochmal anders überlegt und doch zu Hause bleibt aber damit war es nichts. Natürlich hat er mir angeboten mitzukommen aber was soll ich machen wenn er Golf spielt? Da kann ich ja nur blöd daneben stehen und ich habe sowieso keine Ahnung davon. Er fuhr also alleine und ich bewachte derweil sein Haus und spielte mit meinem neuen Handy. So lange wollte er ja auch nicht weg bleiben also machte ich es mir vor dem Fernseher bequem und rief Sara mal an. Zeit habe ich ja wie es mir scheint. Rafa war kaum eine Stunde weg, als er anrief und meinte es könnte etwas länger dauern.
Was das genau bedeutet konnte oder wollte er nicht sagen. Ich dachte mir nichts weiter dabei und blieb vor dem Fernseher sitzen. Es verging aber immer mehr Zeit ohne das sich etwas tat. Inzwischen was es tiefste Nacht draußen und es ist schon gleich halb 12. Ich langweilte mich nicht wirklich da ich mehr durch Zufall rausfand das der Fernseher offensichtlich mit dem Internet verbunden ist. Ich hätte schwören können das ich den Fernseher anders in Erinnerung habe aber vielleicht täuschte ich mich auch. Wir hatten ja nicht ausgemacht wo wir noch hin wollten heute Abend aber weit weg brauchen wir um diese Zeit nicht mehr zu gehen sonst geht die Sonne wieder auf bis wir zurück sind.
Mit einer etwas gedrückten Laune ging ich dann um 12 schließlich alleine ins Bett. So hatte ich mir den Abend mit Sicherheit nicht vorgestellt! Da hatte ich doch tatsächlich den Abend alleine vor dem Fernseher verbracht.
Wüsste ich nicht, dass die zusammen sind, würde ich denken die hassen sich gegenseitig. Vielleicht haben die sich ja gestritten und ich kann ja schlecht fragen, ich wollte nicht die Stimmung total ruinieren. Das hatte sich Rafa sicher anders vorgestellt, er hatte ja den Einfall Maymó mitzunehmen. Erst dachte ich wir fahren in eine einsame Bucht und springen vom Boot aus ins Wasser aber es gab in besagter Bucht auch eine Anlegestelle also konnten wir uns an den Strand legen. Es hätte so schön sein können… wäre da nicht die angespannte Stimmung. Ich war heilfroh als Maymó endlich mal ins Wasser ging, Nicole auch aber in weiter Entfernung. Da wir jetzt mal alleine sind, rückte ich näher an Rafa und sah dann kurz zu Nicole. „Bist du dir sicher, dass die zusammen sind?“ Fragte ich skeptisch. „Wieso?“ Fragte Rafa mit einem breiten Lächeln zurück.
„Die reden kein Wort miteinander“ “Die sind seit vier Jahren zusammen. Vermutlich gab es Stress“ “Vermutlich? Wenn Blicke töten könnten… die bringen sich gleich um, so sieht es jedenfalls aus“ “Ich hatte mir das auch anders vorgestellt. Als ich ihn vorhin angerufen habe um zu fragen ob sie mitkommen tat er als wenn alles normal wäre“ Ich kam gar nicht zum Antworten da ein hysterisches Schreien ertönte. Wortlos drehte ich meinen Kopf zur Seite und sah zu wie die angeblich Verliebten sich vermutlich hässliche Schimpfwörter gegenseitig an den Kopf warfen. Ich verstand zwar nichts weil es wieder mal mallorquí war aber es ist vielleicht besser so. Es war schon bizarr, die Landschaft war traumhaft und dann das laute Geschrei. Ich musste mich beherrschen nicht zu lachen weil ich es irgendwie amüsant fand. „Das ist nicht komisch“ Kam es dann nur streng von neben mir. Ich schluckte und schielte aus dem Augenwinkel zu Rafa.
So hatte ich mir das vorgestellt! Ich dachte ja, dass ich mit Rafa mal alleine bin und jetzt sitzen wir hier und gucken zu wie Maymó mit seiner Freundin streiten. Hoffentlich kommt es bei uns nicht auch mal so weit. Zwar hatte ich mit Rafa auch schon die ein oder andere Meinungsverschiedenheit aber so extrem artete das nie aus. Ich flüchte dann eher als mich auf eine Diskussion einzulassen. Man dachte ja das die sich gleich an die Gurgel springen, ich kenne Maymó gar nicht so, er macht sonst einen ruhigen und vernünftigen Eindruck. Das scheint aber gewaltig zu täuschen. „Warum streiten die eigentlich?“ Fragte ich dann ernst. Rafa hat vermutlich auch keine Ahnung aber er versteht doch was die sich gerade lautstark an den Kopf werfen. „Ich glaube es ist die alte Leier das er nie da ist“ Woher kam mir das nur bekannt vor? „Ich denke die sind seit vier Jahren zusammen? Ist sie das nicht gewohnt das er so oft weg ist?“ “Schon aber ab und zu beschwert sie sich eben, ich kann’s teilweise verstehen. Ich weiß, dass mich keine direkte Schuld trifft aber am Ende hängt es an mir und welche Turniere ich spiele. Mein Team muss sich eben danach richten auch wenn ich mich nicht besonders gut fühle wenn ich sowas dann sehe“ “Es ist ja nicht deine Schuld wenn die das nicht unter sich regeln können“ “Und jetzt?“ Ich sah zu Rafa und zuckte mit den Schultern.
„Na ja, scheint mir nicht so als wenn die sich wieder beruhigen würden“ So falsch war meine Einschätzung der Lage wohl nicht da Nicole plötzlich anfing hektisch ihre Sachen zusammen zu packen. Wenige Sekunden später rauschte sie mit einem verbissenen Gesicht an uns vorbei und lief direkt zum Boot. Maymó lief hinter ihr her und redete auf sie ein aber sie kümmerte sich nicht darum. „Sie will zurück fahren“ Meinte Rafa dann leise zu mir und rollte mit den Augen. Das sah ich auch, sie saß inzwischen im Boot mit verschränkten Armen und sah stur geradeaus. „Das heißt wir können auch unsere Sachen packen“ Meinte ich dann mehr feststellend und stand von meinem Handtuch auf um es zusammen zu legen. Zwar wäre ich gerne noch hier geblieben aber es bringt nichts, die bringen sich wirklich noch um. „Das hat sich ja richtig gelohnt jetzt“ Meinte Rafa dann und stand auch von seinem Handtuch auf. „Ist vielleicht besser, ich meine bevor es noch total eskaliert“ “Du meinst es macht einen Unterschied ob die sich hier umbringen oder in Porto Cristo?“ “No aber da sind wir nicht dabei“
Es war kaum zu glauben aber es war nicht mal eine Stunde vergangen seit wir losgefahren waren in Porto Cristo und jetzt sind wir schon wieder zurück! Da drängt sich mir die Frage auf warum die mitgekommen sind wenn die dann sowieso nur streiten, die hätten in Manacor bleiben sollen dazu. Zum Glück dauerte die Rückfahrt nicht lange da die paar Minuten nicht nett waren. Vorhin redete Maymó ja wenigstens noch aber jetzt sagte keiner mehr einen Ton von mir und Rafa abgesehen. Ich war froh als Maymó und Nicole zu ihrem Auto liefen und wir von den restlichen Diskussionen nichts mehr mitbekommen. Glücklich war ich natürlich nicht darüber wie das gelaufen ist, es drückte alles ziemlich auf die Stimmung.
Rafa war auch verdächtig still geworden, er musste zwar auf die Straße sehen aber es sind ja nur wenige Kilometer vom Hafen bis zu seinem Haus. „Was machen wir jetzt?“ Fragte er dann als wir in der Nähe von seinem Haus waren. „Ich weiß nicht, gibt es hier noch einen anderen Strand? Wir können auch an den Pool gehen wenn du keine Lust hast an den Strand zu gehen“ “Strände gibt es hier genug“ Meinte er nur mit einem breiten Lächeln. „Dann fahre irgendwo hin aber nicht zu dem wo man erst ewig laufen muss durch den Wald“ “Genau da wollte ich hin!“ “Wir werden auch noch einen anderen finden“
Knapp 15 Minuten später hielt er an und wir stiegen aus dem Auto. Ich sah mich kurz um und klemmte mir ein großes Handtuch unter den Arm. Es sah mir wieder nach so einem verlassenen Insidertipp aus. Vom Parkplatz aus war gar kein Strand zu sehen, nur Felsen und das Meer aber ich springe sicher nicht von den Felsen ins Meer! „Gibt’s hier auch Sand?“ Fragte ich ohne vorher nachzudenken und in der nächsten Sekunde rollte er auch schon mit den Augen.
„Warte doch erstmal ab!“ Gut, ich sagte also nix mehr und lief ihm einfach nach. Der angebliche Strand stellte sich dann als größere Felsspalte raus wo einfach Sand dazwischen lag. Ich schätze die Ausmaße so in etwa auf 20 x 40 Meter und das schärfst war, das dort schon jemand war! Da saß eine Gruppe Rentner, die hatten sich alles Mögliche mitgebracht von Kühlboxen und Sonnenliegen über unzählige Schirme und Handtücher. Die Schirme standen alle direkt zusammen so das eine Art Dach entstand. Ich konnte mir ein feixen nicht verkneifen als ich das sah. Gesehen hatte ich sowas schon öfters in Italien aber hier vermutet man das nicht unbedingt.
„Sieht so aus als wären wir nicht die Einzigen“ Meinte ich dann nur und guckte ob da jemand auf uns reagiert aber die schienen uns gar nicht zu bemerken. „Scheint so aber jetzt sind wir sowieso schon hier“ War jetzt auch egal also breiteten wir in sicherer Entfernung unser Zeug aus und machten es uns dann unter dem Schirm bequem. Ich sah auf mein Handy um auf die Uhr zu sehen und hatte mal wieder keinen Empfang. So kann wenigstens keiner stören. „Ich glaube ich muss mir mal ein neues Handy kaufen. Das blöde Ding hat keinen Empfang“ “Meins auch nicht. Wenn du ein neues willst, kannst du dir bei mir eins aussuchen. Ich habe eine Menge rumliegen zu Hause“ “In der Rumpelkammer oder wo?“ Sein Lächeln deutete ich als ein ja. Ich weiß, dass er in einer Art Abstellkammer alle Mögliche hortet. Er hebt ja von jedem Outfit eins auf und auch von Rackets mit denen er ein wichtiges Turnier gewonnen hat. „Wo soll ich sonst hin damit? Ich kriege ständig welche geschenkt zu allen möglichen Anlässen. Die Leute denken sie tun mir einen Gefallen aber ich habe keine Lust ständig alles neu zu programmieren. Meine gesamte Familie ist schon auf dem neuesten Stand aber irgendwann will die keiner mehr haben“ “Ich kann ja mal unauffällig gucken. Da bist du ja jetzt gar nicht zu erreichen“ “Ein schönes Gefühl“ Er sagte das so begeistert, das ich spontan Lachen musste.
Eine Weile beobachtete ich Rafa aus dem Augenwinkel und überlegte. Hat er wirklich keine Ahnung was heute für ein Tag ist? Ich lege ja gar nicht so einen übertrieben gesteigerten Wert auf sowas aber wenn er gar nix weiß, gibt mir das schon ein bisschen zu denken. „Weißt du eigentlich welcher Tag heute ist?“ Hatte ich dann auch schon gefragt ob wohl ich es nicht wollte aber ich konnte mich nicht mehr zügeln. Ich hatte gehofft, dass ich ihn nicht daran erinnern muss. Er zog dann auch ein entsprechend verwirrtes Gesicht und sah mich merkwürdig an. „Dienstag wieso?“ Ok, das war dann wohl eindeutig, er hat keinen Schimmer! „Ach, nichts Wichtiges weiter. Was machen wir eigentlich heute Abend?“ Ich fragte das natürlich nicht so rein zufällig, es sollte nur so klingen. „Mal sehen, ich wollte eigentlich noch eine Runde Golf spielen gehen, wir können ja danach noch zusammen wohin gehen wenn du Lust hast“ Ich hatte Mühe mir nichts anmerken zu lassen. Ich hasse Golf und er weiß das, der kann doch nicht allen Ernstes heute Golf spielen gehen! „Mhh“ Machte ich dann nur und versuchte mir nichts anmerken zu lassen.
Eine Weile herrschte dann Stille, ich las Zeitung und Rafa schlief wohl oder sowas ähnliches. Er lag zumindest auf dem Bauch und hatte seine Augen geschlossen. Ich werde ihn sicher nicht nochmal daran erinnern was heute für ein Tag ist. Wenn er von selbst nicht darauf kommt, kann ich es auch nicht ändern. Kann sein ich bin dann sauer aber da muss er durch. Ich sah ein paar Minuten schweigend in sein Gesicht und dachte mir dann, dass man wohl nichts anderes erwarten kann von einem Mann. Er hat wahrscheinlich unzählige andere Termine im Kopf. Ich habe ja nicht wirklich was geplant für heute Abend aber ich dachte zumindest das er da bleibt.
Er kann ja Golf spielen gehen aber nicht heute Abend! „Gehst du mit ins Wasser?“ Fragte ich dann um auf andere Gedanken zu kommen. Er blinzelte mich mit einem Auge an und zog dann ein Lächeln. „Eigentlich habe ich keine Lust aber ich komme mit weil du es bist“ Ich schüttelte mit dem Kopf und zog ihn an der Hand hoch. „Ich fühle mich geehrt“ Ein paar Minuten später stand ich bis zum Bauchnabel im Wasser. Es war nicht wirklich kalt, man muss sich nur daran gewöhnen. Trotzdem stand ich auf Zehenspitzen und fuchtelte mit den Armen um nicht umzufallen. Rafa war schon längst abgetaucht und er tauchte für meinen Geschmack zu nah neben mir wieder auf. „Wenn du so weiter machst, ist es dunkel bevor du im Wasser bist“ Meinte er mit einem frechen grinsen.
Ich konnte nicht an mich halten und spritze mit meiner Hand Wasser zu ihm. Das sollte sich als großer Fehler rausstellen da er plötzlich hinter mir herrannte und mich nassspritzen wollte. Ich lief laut kreischend vor ihm weg und hielt mir dann eine Hand vor dem Mund damit mich nicht die ganze Insel schreien hört. Ich kam natürlich nicht weit bevor ich total nass war. „Das hörte sich eben an als wenn ich dich umbringen würde!“ Ja ja, er hat gut lachen. „Mache nur so weiter“ Meinte ich nur und drehte mich um. „Es tut mir leid“ Da ich nicht reagierte, umarmte er mich von hinten. Wie gut das mir das Wasser nur bis zu den Achseln ging, sonst würden wir vielleicht noch untergehen. Ich rollte mit den Augen was er wahrscheinlich gar nicht sah und musste dann aber doch wieder lächeln. Da ich in sein Gesicht sehen wollte, drehte ich mich um und legte meine Arme um seinen Hals. „Du ärgerst mich zwar immer aber ich liebe dich trotzdem“ Sein Lächeln ging gleich vom einen Ohr zum anderen.
„Ich dich auch. Ich dachte schon mir passiert das nie mehr“ “Was, das du dich verliebst?“ “Sí, ich dachte erst ich habe eine ansteckende Krankheit als ich dich kennengelernt habe weil ich mich so komisch fühlte. No, Spaß bei Seite, ich hatte das Gefühl schon richtig vermisst. Ich dachte zwar schon mehrmals, dass ich mich verliebt habe aber vielleicht lag ich da auch falsch“ “Das kann man nie so genau wissen“ Meinte ich mit einem todernsten Gesicht und musste dann aber kichern. Er wollte mich wohl in die Seite zwicken aber der gewünschte Effekt blieb aus da wir ja im Wasser waren. „Ich meinte das ernst!“ Sagte er dann noch und nickte eifrig mit dem Kopf. „Du kannst mir heute Abend zeigen wie ernst du es meinst“ Ich wollte ja nur sein grinsen sehen und lange warten musste ich nicht. Mit so einem Spruch kann ich ihn wohl zu jeder Tageszeit begeistern. „Sind wir alleine?“ Ich sah an ihm vorbei zum Strand, er stand ja so das er den Strand nicht sehen kann im Moment.
Natürlich waren wir nicht alleine. Die lustige Rentnergruppe machte nicht den Eindruck als wenn die bald verschwinden würden, die hatten es sich für längere Zeit bequem gemacht. Zwar beachteten die uns nicht aber wer weiß wie lange das so bleiben würde wenn wir nicht nur friedlich planschen. „Denke nicht mal daran“ Antwortete ich nur trocken. „Das war eine ganz normale Frage“ “Natürlich“ Er kam näher und küsste mich kurz bevor er mich wieder so frech angrinste. „Du interpretierst die Situation falsch“ “Dann müsste ich des Öfteren die Situation falsch interpretieren“ “Das habt ihr Frauen so an sich“ Kam es frech zurück. Mir blieb fast der Mund offen stehen! Der traut sich ja wirklich was! Bevor ich auch nur irgendwie reagieren konnte, löste er sich von mir und schwamm in Richtung Strand.
Ich bequemte mich auch aus dem Wasser und lief wieder zu meinem Handtuch zurück. Rafa war ja ein bisschen schneller gewesen und er lag auf seinem Handtuch und grinste mich frech an, er kann es anscheinend gar nicht erwarten was ich jetzt mit ihm anstelle nach dem Spruch eben. Ich machte es mir neben ihm bequem und sagte erstmal nichts. Es machte mir Spaß so zu tun als wenn nichts wäre, ich weiß ja das er das nur im Spaß gesagt hat. „Es tut mir leid“ kam es plötzlich leise nach ein paar Minuten. Ich musste mich beherrschen nicht laut zu lachen. „Mhh“ Machte ich nur und blieb mit geschlossenen Augen auf dem Rücken liegen. Zwar kann ich ihn momentan nicht sehen aber damit wird er sich wohl nicht zufrieden geben. Ein paar Sekunden später spürte ich einen Schatten über mir.
„Schläfst du?“ Fragte er plötzlich. „No, ich versuche nur braun zu werden, das kann ich aber nicht wenn du im Weg bist“ Da ich zu neugierig war, blinzelte ich mit einem Auge. Er lehnte halb über mir und sah mich mit großen Augen an. Wenn ich das Gesicht richtig deute, überlegt er allen Ernstes ob ich das eben ernst gemeint habe, dass er verschwinden soll damit ich braun werde. Damit er nicht wirklich noch auf dumme Ideen kommt, legte ich einen Arm um seinen Hals und zog sein Gesicht näher zu meinem. Unsere Nasen müssten sich schon fast berühren, seine Haare hingen zumindest teilweise in meinem Gesicht aber das störte mich nicht wirklich. „Ich kann auch später noch braun werden, ich meine wenn wir uns nicht sehen“ Eigentlich wollte ich noch mehr sagen aber sein Blick verschlug mir die Sprache, zum Glück lag ich schon da ich immer ganz nervös werde wenn er mich so mustert. Mir wurde das dann zu heiß, er machte gar nichts aber so wie sein Blick über mein Gesicht wanderte war das nur eine Zeitfrage.
„Höre auf!“ Sagte ich ernst und schluckte erstmal. Ich musste erstmal tief Luft holen da ich jegliche Kontrolle über mich verliere wenn er mich so ansieht wie eben. „Ich mache gar nichts!“ Kam es mit einem ernsten Gesicht zurück. Leider konnte ich nicht mehr länger an mich halten, also legte ich den anderen Arm noch um seinen Hals und küsste ihn dann sanft. Mir war da schon fast entfallen wo wir eben sind, das fiel mir erst Minuten später wieder ein als ich schon halb über ihm lag und erstmal Luft holen musste um wieder klar denken zu können. Seine Hände auf meinem Hintern halfen mir nicht gerade dabei auf anständige Gedanken zu kommen. Mal wieder verfluchte ich das wir am Strand sind, wenn ich ihn küsse kann ich nicht mehr aufhören damit und das ist ganz schlecht. Dann denke ich nur darüber nach was ich theoretisch alles mit ihm anstellen könnte. „Wir sollten in Zukunft nicht mehr alleine zum Strand gehen oder wenn dann wohin wo wir auch alleine sind“ Sagte ich ernst und strich ihm seine Haare langsam aus dem Gesicht.
Langsam erschien sein freches grinsen wieder. „Vorhin hast du noch ganz empört reagiert“ “Habs mir anders überlegt“ Damit ich nicht wirklich noch etwas unkluges tue, legte ich meinen Kopf an seine Schulter und umarmte ihn soweit es ging. Das muss vorerst reichen, mehr als umarmen und ein paar Küsse ist im Moment nicht angebracht und es ist besser als gar nichts.
So viel war von dem Tag aber nicht mehr übrig das wir lange am Strand bleiben konnten und er wollte ja noch Golf spielen also räumten wir zum zweiten Mal heute unsere Sachen wieder zusammen und fuhren zurück nach Porto Cristo. Irgendwie hatte ich gehofft, das er es sich nochmal anders überlegt und doch zu Hause bleibt aber damit war es nichts. Natürlich hat er mir angeboten mitzukommen aber was soll ich machen wenn er Golf spielt? Da kann ich ja nur blöd daneben stehen und ich habe sowieso keine Ahnung davon. Er fuhr also alleine und ich bewachte derweil sein Haus und spielte mit meinem neuen Handy. So lange wollte er ja auch nicht weg bleiben also machte ich es mir vor dem Fernseher bequem und rief Sara mal an. Zeit habe ich ja wie es mir scheint. Rafa war kaum eine Stunde weg, als er anrief und meinte es könnte etwas länger dauern.
Was das genau bedeutet konnte oder wollte er nicht sagen. Ich dachte mir nichts weiter dabei und blieb vor dem Fernseher sitzen. Es verging aber immer mehr Zeit ohne das sich etwas tat. Inzwischen was es tiefste Nacht draußen und es ist schon gleich halb 12. Ich langweilte mich nicht wirklich da ich mehr durch Zufall rausfand das der Fernseher offensichtlich mit dem Internet verbunden ist. Ich hätte schwören können das ich den Fernseher anders in Erinnerung habe aber vielleicht täuschte ich mich auch. Wir hatten ja nicht ausgemacht wo wir noch hin wollten heute Abend aber weit weg brauchen wir um diese Zeit nicht mehr zu gehen sonst geht die Sonne wieder auf bis wir zurück sind.
Mit einer etwas gedrückten Laune ging ich dann um 12 schließlich alleine ins Bett. So hatte ich mir den Abend mit Sicherheit nicht vorgestellt! Da hatte ich doch tatsächlich den Abend alleine vor dem Fernseher verbracht.
1 July 2010
Chapter 54 - Porto Cristo V
Porto Cristo - Mai 2010
Es gab noch einen Zwischenstopp in Barcelona wo wir umsteigen mussten weil es keinen Direktflug von Rom nach Palma gab. Es war alles relativ entspannt auf den Flügen und in Barcelona. Wir saßen immer ganz hinten und die restlichen Passagiere alle vorne also hatten wir unsere Ruhe. Ich war schon ganz aufgeregt als endlich Formentor zu sehen war vom Flugzeug aus. Den Anflug kannte ich schon in und auswendig, wenn der Wind nicht gerade anders ist gibt es immer den Anflug über Formentor und Alcúdia und dann direkt über die Insel. Man sah schon das der Sommer kurz bevor steht, die ersten Felder begannen sich schon so typisch braun zu färben. Da fiel mir dann so spontan ein, dass ich noch nie mit Rafa zusammen nach Palma geflogen bin.
Wir waren vor dem Tag heute noch nie zusammen irgendwohin geflogen. „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass wir noch nie zusammen hier angekommen sind?“ Rafa sah von seiner Zeitung zu mir rüber und machte ein leicht verwirrtes Gesicht. „No aber jetzt wo du es sagst… Komische Sache aber irgendwann ist eben immer das erste Mal“ “Ich meine es waren ja schon ein paar Orte wo wir waren neben Abu Dhabi, Barcelona, Monte Carlo und Rom war ich ja auch ein paar Mal in Porto Cristo“ “Mir ist es am liebsten zu Hause zu sein“ “Kann ich nachvollziehen“ Wenige Minuten nachdem wir über die Halbinsel Formentor geflogen waren, standen wir schon am Gate und packten unsere Sachen zusammen. Wir konnten glücklicherweise die Abkürzung durch den VIP Bereich nehmen und standen im Handumdrehen im Parkhaus und das ohne viele Autogramme geben zu müssen. Ich dachte ja das uns jemand abholt aber wie sich rausstellte, hatte Rafa sein Auto im Parkhaus stehen. Maymó und Toni wurden am Flughafen abgeholt und Carlos Costa hatte sich schon in Barcelona verabschiedet also stand ich dann mit Rafa alleine da.
„Ist das nicht teuer wenn du dein Auto wochenlang hier stehen lässt?“ Rafa sah zu mir rüber bevor er sich wieder auf das ausparken konzentrierte. „Nicht wenn du Nadal heißt außerdem bin ich froh das ich selbst wieder fahren kann“ Wie konnte ich das nur vergessen… gehört wohl alles mit zum VIP Service. „Das heißt ich schnalle mich besser an“ Meinte ich dann nur nebenbei aber mir entging nicht sein Blick daraufhin. „Du kannst gleich laufen!“ Ich grinste ihn blöd von der Seite an und schüttelte mit dem Kopf. „Überlege dir etwas Besseres wenn du mich ärgern willst“ Es gab da so komische Geschichten wonach Rafa unbeabsichtigt die halbe Insel lahmgelegt hat weil er in eine Verteilerstation gefahren ist und dann der Strom überall ausfiel. Das ist aber schon Jahre her und ich würde nie mit ihm fahren wenn ich daran zweifeln würde ob ich auch heil am Ziel ankomme. Eine knappe halbe Stunde nachdem wir am Flughafen losgefahren waren, kamen wir in Porto Cristo an.
Wir schleppten unser Gepäck ins sein Haus und Rafa ließ sich anschließend rückwärts auf sein Bett fallen und stand nicht mehr auf. Ich lief zum Fenster und ließ die Aussicht auf mich wirken. Mir hatte schon der Meerblick gefehlt, ich sollte länger hier bleiben! „Hast du heute noch etwas vor?“ Fragte ich dann als ich mich vom Fenster lösen konnte und wieder zu ihm sah. „No“ Kam es nur mit einem breiten Lächeln. Da er ja noch auf dem Bett lag, machte ich es mir neben ihm bequem. „Und was ist mit morgen? Oder nein, warte, lass mich raten! Du fängst spätestens mittags in der größten Hitze an zu trainieren“ “Du machst mir Angst!“ Kam es gleich ganz begeistert.
„Ich weiß wie das läuft und habe mir ehrlich gesagt gar keine Hoffnungen gemacht das du die ganze Woche nichts machst“ “Ich trainiere nicht den ganzen Tag, geplant sind drei Stunden, das ist gar nichts verglichen mit dem was ich früher alles gemacht habe“ “Ich will sowieso mal nach Palma und da kann ich dich eh nicht gebrauchen dazu“ “Wenn du wieder stundenlang Schuhe anprobieren willst, brauchst du mich gar nicht fragen ob ich mitkomme“ “Dann hätten wir das ja geklärt“ “Es ist total komisch wieder hier zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl hier im Urlaub zu sein, ich bin so oft weg, dass es mir manchmal vorkommt als wenn ich gar kein zu Hause hätte. Letztes Jahr nach den French Open war ich ein paar Monate nur hier, das war auch nicht schlecht aber dieses Jahr ist wie alle anderen Jahre davor auch. Im Moment habe ich gar nicht viel von dem Haus“ Tja, was soll ich dazu sagen? „Aber es läuft dir ja nicht weg und wenn du irgendwann den Schläger an den Nagel hängst, kannst du ja hier Wurzeln schlagen“ “Mal sehen, ich bin schon froh mal ein paar Tage hier sein zu können. Wenn ich ein paar Wochen weg bin, vermisse ich das ruhige Leben hier richtig“ “Ich wusste gar nicht das du so ruhebedürftig bist“ “Ich will nur mal ein paar Tage entspannen ohne das mich ständig jemand beobachtet. Zum Glück konntest du frei machen. Rom war stressig, no?“ “Du meinst weil du nicht viel Zeit hattest? Das wusste ich doch, ich dachte es wird noch schlimmer“ Er sah kurz auf seine Uhr und stand dann wieder auf. „Ich habe jetzt jedenfalls Hunger, da ich weiß das nichts hier ist wird uns nichts übrig bleiben als Essen zu gehen“ Rafa hätte doch eh keine Lust zu kochen aber mir war auch nicht danach. „Von mir aus“
Das Essen nutzte er auch gleich um mal bei seiner Verwandtschaft hola zu sagen, die hatten ihn ja alle seit Wochen nicht mehr gesehen. Das ist ein kleiner Trost, es geht nicht nur mir so, dass ich ihn manchmal wochenlang nicht sehe. Seinen Eltern statteten wir später auch noch einen Besuch ab. Wir wollten gar nicht so lange weg bleiben aber der Tag verging im Zeitraffer. Es war plötzlich um sieben als wir zurück waren in Porto Cristo. Ich packte erstmal meinen Koffer aus, dazu war ich ja noch nicht gekommen. Bei der Gelegenheit fiel mir auch der Siegerpokal aus Rom in die Hände. Rafa bekommt ja nicht das Original sondern eine kleinere Nachbildung. Da wir in Rom nicht wussten wohin damit, hatte ich den zwischen meinen Sachen in den Koffer gepackt.
Es ist ja eigentlich auch schade darum wenn er den in den Schrank stellt und ihn niemand mehr sieht. Mehr zufällig sah ich mich selbst im Spiegel mit dem Pokal in den Händen. Es überkam mich und ich konnte nicht anders also nahm ich eine theatralische Siegerpose ein und konnte mich kaum noch bremsen vor Lachen. Hoffentlich sieht Rafa das nicht! Das sieht doch richtig gut aus und ich musste mich überhaupt nicht groß anstrengen um den Pokal zu bekommen. Ich lief dann mit dem Pokal in den Händen nach unten und suchte Rafa. „Willst du den im Schrank verstecken?“ Fragte ich laut und dachte für eine kurze Sekunde daran doch nichts zu sagen und den Pokal heimlich mit zu mir nach Hause zu nehmen, Rafa hat doch schon so viele. Er drehte sich zu mir um und zog ein breites Lächeln. „No, du wirst es nicht glauben aber ich habe extra eine Vitrine aufgestellt um dort alles unterzubringen“ Was? Das ist mir ja total neu! Ich bin ja nicht zum ersten Mal hier und bisher hatte er alles im Schrank in Kisten verpackt stehen.
„Wo?“ Fragte ich nur. „Neben dem Kamin“ Da war ich noch nicht gewesen also machte ich mich auf den Weg dahin. Tatsächlich! Ich sah mir das alles ein paar Minuten an und versuchte nicht mich davon zu sehr beeindrucken zu lassen. „Ich hatte immer dein Gesicht vor Augen als du zum ersten Mal hier warst und gefragt hast wo die Auszeichnungen alle sind. Meine Mutter sagte auch immer ich soll das nicht alles im Schrank aufbewahren aber ich will nicht hier staubwischen wenn ich schon mal da bin“ Ich sah zur Seite und fragte mich ob er mich veralbern will. „Jetzt tue nicht so als wenn du jemals hier irgendwo staubgewischt hättest!“ Er braucht gar nicht so tun, ich weiß genau, dass seine Mutter das macht. Er trat einen Schritt näher zu mir und umarmte mich von hinten. „Das behaupte ich ja auch nicht“ “Du revanchierst dich hoffentlich bei deiner Mutter“ “Natürlich! Ich betrachte sie nicht als meine Putzfrau. Wie ich vorhin mehr zufällig feststellen konnte hat sie auch Lavendel neben dem Pool gepflanzt“ Ich versuchte von da aus wo ich eben stand aus dem Fenster zu sehen, hier scheint sich doch einiges getan zu haben während ich nicht hier war. Ich wünschte, ich könnte bei mir zu Hause Lavendel pflanzen aber es hätte da nicht mal auf dem Balkon Sinn. Bis der da blühen würde, wäre der Sommer vorbei. „Tatsächlich, sieht wirklich gut aus, man kommt sich vor wie in Südfrankreich“ Meinte ich dann. Ich erinnere mich ganz dunkel daran, dass ich letztes Jahr mal so nebenbei die Bemerkung fallen ließ das Lavendel hier gut aussehen würde.
Damals war Rafa nicht weiter auf die Bemerkung eingegangen aber offenbar ist es doch bei ihm hängen geblieben. Ich drehte mich etwas, dass ich in sein Gesicht sehen konnte. „Ich dachte du hast das gar nicht zur Kenntnis genommen“ “Meine Mutter hatte mich vor ein paar Wochen als ich in den USA war gefragt was sie anstellen soll mit der Fläche rund um den Pool. Da fiel mir das dann wieder ein“ “Wenn ich jetzt sage das du das Haus außen pink streichen sollst, machst du das dann auch?“ “Sehr komisch! Es sieht doch gut aus und ich gestehe das ich selbst nie auf die Idee gekommen wäre“ Dabei beließ ich es auch und stellte den Pokal mit zu den anderen. Langsam wird es voll, wenn er weiter alles gewinnt, muss bald eine neue Vitrine her. Das alles so auf einmal zu sehen wirkt schon sehr einschüchternd. Am beeindruckendsten ist der Wimbledon Pokal und die vier von den French Open. „Also der Wimbledon Pokal sieht irgendwie einsam aus so alleine“ “Ich arbeite daran“ Kam es nur von hinter mir. Das kann ich mir schon sehr gut vorstellen!
Erstaunlich wie Rafa es schafft sich selbst zu motivieren wo er scheinbar alles gewonnen hat was man gewinnen kann. Wimbledon zu gewinnen kommt doch einem Ritterschlag im Tennis gleich. Ich möchte lieber nicht wissen wie viel Schweiß und harte Arbeit in jeder einzelnen Auszeichnung stecken. Erst als Rafa seinen Kopf auf meine Schulter legte, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Die Stimmung war ungewöhnlich ernst geworden, zumindest meine. Mir war für ein paar Sekunden entfallen das er direkt hinter mir steht und mich umarmt. Ich sah an mir nach unten und musste lächeln als ich seine Hände an meinen Hüften sah. Aus einem spontanen Impuls heraus fand ich das aufregend und das er ab und zu meinen Nacken küsst, macht es nicht besser. Er ist zu nett zu mir. Ich bekomme manchmal ein schlechtes Gewissen weil ich weiß, dass er ja fast nie Zeit für sich hat und wenn ich hier bin, liest er mir jeden Wunsch von den Augen ab. Manchmal habe ich das Gefühl das ich ihm das gar nicht alles zurückgeben kann was er mir gibt. Ich drehte mich um und legte meine Arme um seinen Hals als mir so eine Idee kam... „Was hältst du davon wenn wir zusammen duschen gehen?“
Es dauerte nur Millisekunden bis sein Lächeln vom einen Ohr zum anderen ging. “Ahora?“ Da er so begeistert fragte, musste ich noch mehr lachen. “Sí, jetzt und ich meine auch duschen“ “Das sagst du immer oder sollte ich sagen das werden wir ja sehen?“ Meinte er nur frech und zog mich näher an sich. Verflucht, er kennt mich zu gut! Ich küsste ihn sanft und löste mich dann aus seiner Umarmung. „Mitkommen!“ Bevor er reagieren konnte, griff ich nach seiner Hand und zog ihn hinter mir her die Treppen nach oben.
Ich hätte es nie für möglich gehalten aber am nächsten Tag konnte ich direkt mal ausschlafen! Außerdem hatte er mir versprochen nicht vor dem Sonnenaufgang aus dem Bett zu springen. Das war zwar am Sonntag und da sprachen wir von Montag aber zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass sich das Finale in Rom so lange hinzieht und wir erst am Montag zurückfliegen können. Jetzt war also Dienstag aber nicht irgendein Dienstag. Heute war es genau ein Jahr her, dass wir uns zum ersten Mal gesehen haben in dieser Bar. Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass er sich nichts vornimmt an dem Tag. Das er trainieren will wusste ich ja schon und ich wollte ja auch nach Palma also fuhr ich nach dem Frühstück los. Zielgerichtet etwas kaufen wollte ich ja gar nicht, ich wollte nur einfach mal gucken. Um die Läden der oberen Preisklasse machte ich gleich einen Bogen obwohl ich mit ziemlicher Sicherheit weiß das ich Rafa nicht lange bitten müsste wenn mir etwas gefällt. Es war aber ziemlich warm an dem Tag und ich hatte bald keine Lust mehr durch die Stadt zu laufen also ging ich etwas Essen und blieb dann einfach noch sitzen um die vorbeigehenden Leute zu beobachten.
Ob Rafa überhaupt gemerkt hat was heute für ein Tag ist? Bis jetzt hatte er so getan als wenn nichts wäre. Er ist immerhin ein Mann, da kann man allgemein nicht erwarten, dass er sich an jeden einzelnen Tag erinnert aber soweit müsste sein Gedächtnis doch noch zurück reichen. Was wir heute Abend machen hatten wir noch nicht besprochen aber wenn es ihm wirklich nicht mehr einfällt, werde ich ihn eben erinnern. Ich wusste ja das er erst nach um vier wieder zu Hause sein wird aber ich fuhr trotzdem schon eher zurück und war um drei wieder in Porto Cristo. Erwartungsgemäß war alles ruhig als ich bei seinem Haus ankam also parkte ich das Auto in der Garage und lief dann rein. Es war eben so schön ruhig, dass musste ich erstmal auf mich wirken lassen. Ich stand seitlich an die Tür zur Terrasse gelehnt und beobachtete das glitzernde Wasser im Pool. Da musste ich gleich an letztes Jahr denken wo ich zum ersten Mal hier war. Damals war ich ja auch in Palma aber da hatte ich gewartet bis Rafa wieder hier ist weil ich nicht alleine hier sein wollte.
Inzwischen ist es so weit gekommen das ich seine Autos spazieren fahre und einen Schlüssel zu seinem Haus habe. Das hätte mir vor einem Jahr mal jemand erzählen sollen! Es fühlt sich auch nicht mehr komisch an alleine hier zu sein, manchmal habe ich das Gefühl das ich nicht mehr genau weiß ob ich hier noch Gast bin oder doch schon halb hier wohne. Ich fühle mich jedenfalls nicht so wie jemand der eine Weile auf Besuch ist. Abgesehen von dem einen Mal wo ich mit Rafa bei mir zu Hause spazieren war, hatten wir das Thema nie wieder angesprochen. Rafa vertritt ja die Auffassung, dass er kein Recht hat von mir zu verlangen das ich wegen ihm hier her ziehe. Das stimmt ja im Prinzip auch aber ich will nicht ewig hin und her pendeln. Er glaubt vielleicht ich würde ein zu großes Opfer bringen wenn ich wegen ihm hier her ziehe. Es ist eigentlich egal ob ich in Deutschland wohne und hier her komme um ihn zu sehen oder ob ich hier wohne und nach Deutschland fliege um meine Eltern zu sehen. Es wird immer ein hin und her sein, egal wo ich nun wohne. So oft ist er nicht hier, mir ist klar das ich die meiste Zeit alleine hier wäre und ich beabsichtige nicht mit ihm dauerhaft auf Tour zu gehen.
Solange er in Europa ist, können wir darüber reden das ich am Wochenende da bin aber ich fliege sicher nicht wochenlang mit in die USA oder nach Kanada im Sommer. Wir müssten dann auch nicht schon immer Wochen im Voraus überlegen wie wir es anstellen das ich frei machen kann wenn er hier ist. Ich wäre dann nichtmehr auf meine freien Urlaubstage und günstige Flugverbindungen angewiesen. Vielleicht sollten wir mal darüber reden. Ich fürchte er wird wieder sagen, dass es für ihn so ok ist weil er nicht will, dass ich mein ganzes Leben umkrempeln muss. Auf die Dauer kommen wir aber zu nichts mit dem hin und her, dass wird ihm sicher auch klar sein. Ich wollte das ja am Anfang sowieso nicht und hätte mich auch nicht darauf eingelassen wenn ich ihn nicht lieben würde und unbedingt mit ihm zusammen sein wälte. Das er etwas dagegen hat wenn ich hier wohne, glaube ich nicht, er hat ganz vage Angedeutet das es ihm schon gefallen würde wenn ich hier wäre. Er hätte es vielleicht gerne wenn er von der Tour nach Hause kommt und ich schon hier bin und traut sich nur nicht das auch zu sagen.
Gestört wurde ich in meinen Gedanken von der auf und zu gehenden Tür und kurz darauf hörte ich wie er den Schlüssel fallen ließ. Ein paar Sekunden später sah ich ihn auch direkt auf mich zukommen. „Hey, du bist ja schon zurück!“ “Es war so warm, ich hatte dann keine Lust mehr durch die Stadt zu laufen“ Er kam näher und küsste mich kurz. “Ich habe mich zu Tode geschwitzt!“ So sah er gar nicht aus aber ich weiß, dass er immer duschen geht im Tennisclub bevor er nach Hause fährt. „Du musst ja auch unbedingt in der größten Hitze trainieren“ “Besser ich gewöhne mich daran. Wenn ich ein Turnier spiele und die setzen das Match mittags an kann ich dann auch nicht sagen das es mir da zu warm ist“ “Morgen um dieselbe Zeit?“ Fragte ich nur. Er nickte mit dem Kopf und stellte seine Tasche ab. „Sí“ Ich weiß das er jeden Tag trainiert, er hätte am Montag frei gehabt aber dann klappte das mit den Flügen nicht und wir kamen erst Montagmittag hier an und somit steht fest, dass er bis nach Wimbledon keinen einzigen freien Tag mehr haben wird.
Zumindest keinen an dem er nicht Tennis spielt. Es ist verrückt wie hart er arbeitet aber es zahlt sich aus und der Erfolg gibt ihm Recht. „Musst du nochmal weg?“ “No, ich stehe dir den restlichen Tag zur freien Verfügung“ Ich musste Lachen und umarmte ihn wieder. „Das wollte ich hören!“ Er schien ein paar Sekunden das Wetter zu beobachten bevor er wieder zu mir sah. „Wie wär’s wenn wir eine Runde planschen?“ Ich sah in den Pool und dabei lief mir gleich ein kalter Schauer über den Rücken. Ich war vorhin schon so leichtsinnig einen Fuß in den Pool zu halten. „Das Wasser ist zu kalt“ “Ich meinte nicht das Wasser sondern das große am Horizont“ Kam es gleich breit grinsend. „Ach so, sag’s doch gleich! Von mir aus“ “Macht es dir was aus wenn Maymó mitkommt? Ich beabsichtige mir sein Boot einzuverleiben aber er wird darauf bestehen mitzukommen“ “Wenn’s sein muss. Langweilt der sich dann nicht alleine?“ “Es wird dich vielleicht erschüttern aber er hat eine Freundin“ Ich tat so als wäre ich total schockiert und schnappte übertrieben nach Luft. „Was? Warum sagst du das jetzt erst?“ Wie ich sah freute er sich über meine Reaktion. “Habe ich dir jetzt jegliche Hoffnung genommen? War nicht meine Absicht“ “Ich bin zutiefst deprimiert“ “Ich tröste dich aber gerne“ “Ich weiß aber ich kann es kaum erwarten ihn zu sehen“ “Dann haben wir ja alle was davon!“ Ich konnte nicht länger Ernst bleiben und schüttelte mit dem Kopf bevor ich mich von ihm löste. „Ich gehe mich umziehen“
Es gab noch einen Zwischenstopp in Barcelona wo wir umsteigen mussten weil es keinen Direktflug von Rom nach Palma gab. Es war alles relativ entspannt auf den Flügen und in Barcelona. Wir saßen immer ganz hinten und die restlichen Passagiere alle vorne also hatten wir unsere Ruhe. Ich war schon ganz aufgeregt als endlich Formentor zu sehen war vom Flugzeug aus. Den Anflug kannte ich schon in und auswendig, wenn der Wind nicht gerade anders ist gibt es immer den Anflug über Formentor und Alcúdia und dann direkt über die Insel. Man sah schon das der Sommer kurz bevor steht, die ersten Felder begannen sich schon so typisch braun zu färben. Da fiel mir dann so spontan ein, dass ich noch nie mit Rafa zusammen nach Palma geflogen bin.
Wir waren vor dem Tag heute noch nie zusammen irgendwohin geflogen. „Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass wir noch nie zusammen hier angekommen sind?“ Rafa sah von seiner Zeitung zu mir rüber und machte ein leicht verwirrtes Gesicht. „No aber jetzt wo du es sagst… Komische Sache aber irgendwann ist eben immer das erste Mal“ “Ich meine es waren ja schon ein paar Orte wo wir waren neben Abu Dhabi, Barcelona, Monte Carlo und Rom war ich ja auch ein paar Mal in Porto Cristo“ “Mir ist es am liebsten zu Hause zu sein“ “Kann ich nachvollziehen“ Wenige Minuten nachdem wir über die Halbinsel Formentor geflogen waren, standen wir schon am Gate und packten unsere Sachen zusammen. Wir konnten glücklicherweise die Abkürzung durch den VIP Bereich nehmen und standen im Handumdrehen im Parkhaus und das ohne viele Autogramme geben zu müssen. Ich dachte ja das uns jemand abholt aber wie sich rausstellte, hatte Rafa sein Auto im Parkhaus stehen. Maymó und Toni wurden am Flughafen abgeholt und Carlos Costa hatte sich schon in Barcelona verabschiedet also stand ich dann mit Rafa alleine da.
„Ist das nicht teuer wenn du dein Auto wochenlang hier stehen lässt?“ Rafa sah zu mir rüber bevor er sich wieder auf das ausparken konzentrierte. „Nicht wenn du Nadal heißt außerdem bin ich froh das ich selbst wieder fahren kann“ Wie konnte ich das nur vergessen… gehört wohl alles mit zum VIP Service. „Das heißt ich schnalle mich besser an“ Meinte ich dann nur nebenbei aber mir entging nicht sein Blick daraufhin. „Du kannst gleich laufen!“ Ich grinste ihn blöd von der Seite an und schüttelte mit dem Kopf. „Überlege dir etwas Besseres wenn du mich ärgern willst“ Es gab da so komische Geschichten wonach Rafa unbeabsichtigt die halbe Insel lahmgelegt hat weil er in eine Verteilerstation gefahren ist und dann der Strom überall ausfiel. Das ist aber schon Jahre her und ich würde nie mit ihm fahren wenn ich daran zweifeln würde ob ich auch heil am Ziel ankomme. Eine knappe halbe Stunde nachdem wir am Flughafen losgefahren waren, kamen wir in Porto Cristo an.
Wir schleppten unser Gepäck ins sein Haus und Rafa ließ sich anschließend rückwärts auf sein Bett fallen und stand nicht mehr auf. Ich lief zum Fenster und ließ die Aussicht auf mich wirken. Mir hatte schon der Meerblick gefehlt, ich sollte länger hier bleiben! „Hast du heute noch etwas vor?“ Fragte ich dann als ich mich vom Fenster lösen konnte und wieder zu ihm sah. „No“ Kam es nur mit einem breiten Lächeln. Da er ja noch auf dem Bett lag, machte ich es mir neben ihm bequem. „Und was ist mit morgen? Oder nein, warte, lass mich raten! Du fängst spätestens mittags in der größten Hitze an zu trainieren“ “Du machst mir Angst!“ Kam es gleich ganz begeistert.
„Ich weiß wie das läuft und habe mir ehrlich gesagt gar keine Hoffnungen gemacht das du die ganze Woche nichts machst“ “Ich trainiere nicht den ganzen Tag, geplant sind drei Stunden, das ist gar nichts verglichen mit dem was ich früher alles gemacht habe“ “Ich will sowieso mal nach Palma und da kann ich dich eh nicht gebrauchen dazu“ “Wenn du wieder stundenlang Schuhe anprobieren willst, brauchst du mich gar nicht fragen ob ich mitkomme“ “Dann hätten wir das ja geklärt“ “Es ist total komisch wieder hier zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl hier im Urlaub zu sein, ich bin so oft weg, dass es mir manchmal vorkommt als wenn ich gar kein zu Hause hätte. Letztes Jahr nach den French Open war ich ein paar Monate nur hier, das war auch nicht schlecht aber dieses Jahr ist wie alle anderen Jahre davor auch. Im Moment habe ich gar nicht viel von dem Haus“ Tja, was soll ich dazu sagen? „Aber es läuft dir ja nicht weg und wenn du irgendwann den Schläger an den Nagel hängst, kannst du ja hier Wurzeln schlagen“ “Mal sehen, ich bin schon froh mal ein paar Tage hier sein zu können. Wenn ich ein paar Wochen weg bin, vermisse ich das ruhige Leben hier richtig“ “Ich wusste gar nicht das du so ruhebedürftig bist“ “Ich will nur mal ein paar Tage entspannen ohne das mich ständig jemand beobachtet. Zum Glück konntest du frei machen. Rom war stressig, no?“ “Du meinst weil du nicht viel Zeit hattest? Das wusste ich doch, ich dachte es wird noch schlimmer“ Er sah kurz auf seine Uhr und stand dann wieder auf. „Ich habe jetzt jedenfalls Hunger, da ich weiß das nichts hier ist wird uns nichts übrig bleiben als Essen zu gehen“ Rafa hätte doch eh keine Lust zu kochen aber mir war auch nicht danach. „Von mir aus“
Das Essen nutzte er auch gleich um mal bei seiner Verwandtschaft hola zu sagen, die hatten ihn ja alle seit Wochen nicht mehr gesehen. Das ist ein kleiner Trost, es geht nicht nur mir so, dass ich ihn manchmal wochenlang nicht sehe. Seinen Eltern statteten wir später auch noch einen Besuch ab. Wir wollten gar nicht so lange weg bleiben aber der Tag verging im Zeitraffer. Es war plötzlich um sieben als wir zurück waren in Porto Cristo. Ich packte erstmal meinen Koffer aus, dazu war ich ja noch nicht gekommen. Bei der Gelegenheit fiel mir auch der Siegerpokal aus Rom in die Hände. Rafa bekommt ja nicht das Original sondern eine kleinere Nachbildung. Da wir in Rom nicht wussten wohin damit, hatte ich den zwischen meinen Sachen in den Koffer gepackt.
Es ist ja eigentlich auch schade darum wenn er den in den Schrank stellt und ihn niemand mehr sieht. Mehr zufällig sah ich mich selbst im Spiegel mit dem Pokal in den Händen. Es überkam mich und ich konnte nicht anders also nahm ich eine theatralische Siegerpose ein und konnte mich kaum noch bremsen vor Lachen. Hoffentlich sieht Rafa das nicht! Das sieht doch richtig gut aus und ich musste mich überhaupt nicht groß anstrengen um den Pokal zu bekommen. Ich lief dann mit dem Pokal in den Händen nach unten und suchte Rafa. „Willst du den im Schrank verstecken?“ Fragte ich laut und dachte für eine kurze Sekunde daran doch nichts zu sagen und den Pokal heimlich mit zu mir nach Hause zu nehmen, Rafa hat doch schon so viele. Er drehte sich zu mir um und zog ein breites Lächeln. „No, du wirst es nicht glauben aber ich habe extra eine Vitrine aufgestellt um dort alles unterzubringen“ Was? Das ist mir ja total neu! Ich bin ja nicht zum ersten Mal hier und bisher hatte er alles im Schrank in Kisten verpackt stehen.
„Wo?“ Fragte ich nur. „Neben dem Kamin“ Da war ich noch nicht gewesen also machte ich mich auf den Weg dahin. Tatsächlich! Ich sah mir das alles ein paar Minuten an und versuchte nicht mich davon zu sehr beeindrucken zu lassen. „Ich hatte immer dein Gesicht vor Augen als du zum ersten Mal hier warst und gefragt hast wo die Auszeichnungen alle sind. Meine Mutter sagte auch immer ich soll das nicht alles im Schrank aufbewahren aber ich will nicht hier staubwischen wenn ich schon mal da bin“ Ich sah zur Seite und fragte mich ob er mich veralbern will. „Jetzt tue nicht so als wenn du jemals hier irgendwo staubgewischt hättest!“ Er braucht gar nicht so tun, ich weiß genau, dass seine Mutter das macht. Er trat einen Schritt näher zu mir und umarmte mich von hinten. „Das behaupte ich ja auch nicht“ “Du revanchierst dich hoffentlich bei deiner Mutter“ “Natürlich! Ich betrachte sie nicht als meine Putzfrau. Wie ich vorhin mehr zufällig feststellen konnte hat sie auch Lavendel neben dem Pool gepflanzt“ Ich versuchte von da aus wo ich eben stand aus dem Fenster zu sehen, hier scheint sich doch einiges getan zu haben während ich nicht hier war. Ich wünschte, ich könnte bei mir zu Hause Lavendel pflanzen aber es hätte da nicht mal auf dem Balkon Sinn. Bis der da blühen würde, wäre der Sommer vorbei. „Tatsächlich, sieht wirklich gut aus, man kommt sich vor wie in Südfrankreich“ Meinte ich dann. Ich erinnere mich ganz dunkel daran, dass ich letztes Jahr mal so nebenbei die Bemerkung fallen ließ das Lavendel hier gut aussehen würde.
Damals war Rafa nicht weiter auf die Bemerkung eingegangen aber offenbar ist es doch bei ihm hängen geblieben. Ich drehte mich etwas, dass ich in sein Gesicht sehen konnte. „Ich dachte du hast das gar nicht zur Kenntnis genommen“ “Meine Mutter hatte mich vor ein paar Wochen als ich in den USA war gefragt was sie anstellen soll mit der Fläche rund um den Pool. Da fiel mir das dann wieder ein“ “Wenn ich jetzt sage das du das Haus außen pink streichen sollst, machst du das dann auch?“ “Sehr komisch! Es sieht doch gut aus und ich gestehe das ich selbst nie auf die Idee gekommen wäre“ Dabei beließ ich es auch und stellte den Pokal mit zu den anderen. Langsam wird es voll, wenn er weiter alles gewinnt, muss bald eine neue Vitrine her. Das alles so auf einmal zu sehen wirkt schon sehr einschüchternd. Am beeindruckendsten ist der Wimbledon Pokal und die vier von den French Open. „Also der Wimbledon Pokal sieht irgendwie einsam aus so alleine“ “Ich arbeite daran“ Kam es nur von hinter mir. Das kann ich mir schon sehr gut vorstellen!
Erstaunlich wie Rafa es schafft sich selbst zu motivieren wo er scheinbar alles gewonnen hat was man gewinnen kann. Wimbledon zu gewinnen kommt doch einem Ritterschlag im Tennis gleich. Ich möchte lieber nicht wissen wie viel Schweiß und harte Arbeit in jeder einzelnen Auszeichnung stecken. Erst als Rafa seinen Kopf auf meine Schulter legte, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Die Stimmung war ungewöhnlich ernst geworden, zumindest meine. Mir war für ein paar Sekunden entfallen das er direkt hinter mir steht und mich umarmt. Ich sah an mir nach unten und musste lächeln als ich seine Hände an meinen Hüften sah. Aus einem spontanen Impuls heraus fand ich das aufregend und das er ab und zu meinen Nacken küsst, macht es nicht besser. Er ist zu nett zu mir. Ich bekomme manchmal ein schlechtes Gewissen weil ich weiß, dass er ja fast nie Zeit für sich hat und wenn ich hier bin, liest er mir jeden Wunsch von den Augen ab. Manchmal habe ich das Gefühl das ich ihm das gar nicht alles zurückgeben kann was er mir gibt. Ich drehte mich um und legte meine Arme um seinen Hals als mir so eine Idee kam... „Was hältst du davon wenn wir zusammen duschen gehen?“
Es dauerte nur Millisekunden bis sein Lächeln vom einen Ohr zum anderen ging. “Ahora?“ Da er so begeistert fragte, musste ich noch mehr lachen. “Sí, jetzt und ich meine auch duschen“ “Das sagst du immer oder sollte ich sagen das werden wir ja sehen?“ Meinte er nur frech und zog mich näher an sich. Verflucht, er kennt mich zu gut! Ich küsste ihn sanft und löste mich dann aus seiner Umarmung. „Mitkommen!“ Bevor er reagieren konnte, griff ich nach seiner Hand und zog ihn hinter mir her die Treppen nach oben.
Ich hätte es nie für möglich gehalten aber am nächsten Tag konnte ich direkt mal ausschlafen! Außerdem hatte er mir versprochen nicht vor dem Sonnenaufgang aus dem Bett zu springen. Das war zwar am Sonntag und da sprachen wir von Montag aber zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass sich das Finale in Rom so lange hinzieht und wir erst am Montag zurückfliegen können. Jetzt war also Dienstag aber nicht irgendein Dienstag. Heute war es genau ein Jahr her, dass wir uns zum ersten Mal gesehen haben in dieser Bar. Natürlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass er sich nichts vornimmt an dem Tag. Das er trainieren will wusste ich ja schon und ich wollte ja auch nach Palma also fuhr ich nach dem Frühstück los. Zielgerichtet etwas kaufen wollte ich ja gar nicht, ich wollte nur einfach mal gucken. Um die Läden der oberen Preisklasse machte ich gleich einen Bogen obwohl ich mit ziemlicher Sicherheit weiß das ich Rafa nicht lange bitten müsste wenn mir etwas gefällt. Es war aber ziemlich warm an dem Tag und ich hatte bald keine Lust mehr durch die Stadt zu laufen also ging ich etwas Essen und blieb dann einfach noch sitzen um die vorbeigehenden Leute zu beobachten.
Ob Rafa überhaupt gemerkt hat was heute für ein Tag ist? Bis jetzt hatte er so getan als wenn nichts wäre. Er ist immerhin ein Mann, da kann man allgemein nicht erwarten, dass er sich an jeden einzelnen Tag erinnert aber soweit müsste sein Gedächtnis doch noch zurück reichen. Was wir heute Abend machen hatten wir noch nicht besprochen aber wenn es ihm wirklich nicht mehr einfällt, werde ich ihn eben erinnern. Ich wusste ja das er erst nach um vier wieder zu Hause sein wird aber ich fuhr trotzdem schon eher zurück und war um drei wieder in Porto Cristo. Erwartungsgemäß war alles ruhig als ich bei seinem Haus ankam also parkte ich das Auto in der Garage und lief dann rein. Es war eben so schön ruhig, dass musste ich erstmal auf mich wirken lassen. Ich stand seitlich an die Tür zur Terrasse gelehnt und beobachtete das glitzernde Wasser im Pool. Da musste ich gleich an letztes Jahr denken wo ich zum ersten Mal hier war. Damals war ich ja auch in Palma aber da hatte ich gewartet bis Rafa wieder hier ist weil ich nicht alleine hier sein wollte.
Inzwischen ist es so weit gekommen das ich seine Autos spazieren fahre und einen Schlüssel zu seinem Haus habe. Das hätte mir vor einem Jahr mal jemand erzählen sollen! Es fühlt sich auch nicht mehr komisch an alleine hier zu sein, manchmal habe ich das Gefühl das ich nicht mehr genau weiß ob ich hier noch Gast bin oder doch schon halb hier wohne. Ich fühle mich jedenfalls nicht so wie jemand der eine Weile auf Besuch ist. Abgesehen von dem einen Mal wo ich mit Rafa bei mir zu Hause spazieren war, hatten wir das Thema nie wieder angesprochen. Rafa vertritt ja die Auffassung, dass er kein Recht hat von mir zu verlangen das ich wegen ihm hier her ziehe. Das stimmt ja im Prinzip auch aber ich will nicht ewig hin und her pendeln. Er glaubt vielleicht ich würde ein zu großes Opfer bringen wenn ich wegen ihm hier her ziehe. Es ist eigentlich egal ob ich in Deutschland wohne und hier her komme um ihn zu sehen oder ob ich hier wohne und nach Deutschland fliege um meine Eltern zu sehen. Es wird immer ein hin und her sein, egal wo ich nun wohne. So oft ist er nicht hier, mir ist klar das ich die meiste Zeit alleine hier wäre und ich beabsichtige nicht mit ihm dauerhaft auf Tour zu gehen.
Solange er in Europa ist, können wir darüber reden das ich am Wochenende da bin aber ich fliege sicher nicht wochenlang mit in die USA oder nach Kanada im Sommer. Wir müssten dann auch nicht schon immer Wochen im Voraus überlegen wie wir es anstellen das ich frei machen kann wenn er hier ist. Ich wäre dann nichtmehr auf meine freien Urlaubstage und günstige Flugverbindungen angewiesen. Vielleicht sollten wir mal darüber reden. Ich fürchte er wird wieder sagen, dass es für ihn so ok ist weil er nicht will, dass ich mein ganzes Leben umkrempeln muss. Auf die Dauer kommen wir aber zu nichts mit dem hin und her, dass wird ihm sicher auch klar sein. Ich wollte das ja am Anfang sowieso nicht und hätte mich auch nicht darauf eingelassen wenn ich ihn nicht lieben würde und unbedingt mit ihm zusammen sein wälte. Das er etwas dagegen hat wenn ich hier wohne, glaube ich nicht, er hat ganz vage Angedeutet das es ihm schon gefallen würde wenn ich hier wäre. Er hätte es vielleicht gerne wenn er von der Tour nach Hause kommt und ich schon hier bin und traut sich nur nicht das auch zu sagen.
Gestört wurde ich in meinen Gedanken von der auf und zu gehenden Tür und kurz darauf hörte ich wie er den Schlüssel fallen ließ. Ein paar Sekunden später sah ich ihn auch direkt auf mich zukommen. „Hey, du bist ja schon zurück!“ “Es war so warm, ich hatte dann keine Lust mehr durch die Stadt zu laufen“ Er kam näher und küsste mich kurz. “Ich habe mich zu Tode geschwitzt!“ So sah er gar nicht aus aber ich weiß, dass er immer duschen geht im Tennisclub bevor er nach Hause fährt. „Du musst ja auch unbedingt in der größten Hitze trainieren“ “Besser ich gewöhne mich daran. Wenn ich ein Turnier spiele und die setzen das Match mittags an kann ich dann auch nicht sagen das es mir da zu warm ist“ “Morgen um dieselbe Zeit?“ Fragte ich nur. Er nickte mit dem Kopf und stellte seine Tasche ab. „Sí“ Ich weiß das er jeden Tag trainiert, er hätte am Montag frei gehabt aber dann klappte das mit den Flügen nicht und wir kamen erst Montagmittag hier an und somit steht fest, dass er bis nach Wimbledon keinen einzigen freien Tag mehr haben wird.
Zumindest keinen an dem er nicht Tennis spielt. Es ist verrückt wie hart er arbeitet aber es zahlt sich aus und der Erfolg gibt ihm Recht. „Musst du nochmal weg?“ “No, ich stehe dir den restlichen Tag zur freien Verfügung“ Ich musste Lachen und umarmte ihn wieder. „Das wollte ich hören!“ Er schien ein paar Sekunden das Wetter zu beobachten bevor er wieder zu mir sah. „Wie wär’s wenn wir eine Runde planschen?“ Ich sah in den Pool und dabei lief mir gleich ein kalter Schauer über den Rücken. Ich war vorhin schon so leichtsinnig einen Fuß in den Pool zu halten. „Das Wasser ist zu kalt“ “Ich meinte nicht das Wasser sondern das große am Horizont“ Kam es gleich breit grinsend. „Ach so, sag’s doch gleich! Von mir aus“ “Macht es dir was aus wenn Maymó mitkommt? Ich beabsichtige mir sein Boot einzuverleiben aber er wird darauf bestehen mitzukommen“ “Wenn’s sein muss. Langweilt der sich dann nicht alleine?“ “Es wird dich vielleicht erschüttern aber er hat eine Freundin“ Ich tat so als wäre ich total schockiert und schnappte übertrieben nach Luft. „Was? Warum sagst du das jetzt erst?“ Wie ich sah freute er sich über meine Reaktion. “Habe ich dir jetzt jegliche Hoffnung genommen? War nicht meine Absicht“ “Ich bin zutiefst deprimiert“ “Ich tröste dich aber gerne“ “Ich weiß aber ich kann es kaum erwarten ihn zu sehen“ “Dann haben wir ja alle was davon!“ Ich konnte nicht länger Ernst bleiben und schüttelte mit dem Kopf bevor ich mich von ihm löste. „Ich gehe mich umziehen“
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