„Was sollen wir jetzt mit den Flügen machen? Wir haben die schon bezahlt, wenn wir jetzt nicht fliegen, ist das Geld so und so weg“ Rafa sagte weiterhin nicht viel und zuckte nur leicht mit den Schultern. Er hat also auch keine Ahnung, das überrascht mich nicht. „Ich würde wirklich spielen wenn nicht die US Open bald wären aber ich kann es nicht ändern. Wenn es nicht anders geht müsst ihr eben fliegen, mit dem Hotel das lässt sich schon regeln. Ich hätte jetzt gesagt buche doch um auf Palma aber wenn das nicht geht, ist die Idee auch nichts wert“
Tja, das ist eben das Risiko wenn man den günstigsten Tarif bucht, dann ist man null flexibel und genau das wird uns ja offenbar zum Verhängnis. Es wäre ja aber auch blöd wenn wir jetzt nur so aus Spaß nach Berlin fliegen, ich wollte da Rafa sehen und nicht die Stadt angucken. Vielleicht sollte ich erstmal mit Sara reden. Sie kann zwar auch nichts daran ändern aber sie weiß ja noch gar nichts von ihrem Glück. Das Rafa hier ist weiß sie ja aber wir hatten noch nichts ausgemacht, sie spekuliert aber sicher darauf, dass sie Rafa Morgen oder Übermorgen mal zu Gesicht bekommt. Da kann Rafa ihr ja gleich persönlich sagen das er gar nicht spielt wobei ich denke, dass sie es aus dem Internet schneller erfahren wird.
„Ich werde ja sehen was Sara sagt, sie wird alles andere als erfreut sein aber sie hat ja keine Wahl“ Ein bisschen wartete ich nur darauf das Sara anruft und dann total am Rad dreht. Insgeheim freute ich mich schon darauf weil es herrlich ist zu sehen wie sie sich dann aufregt wenn es um Rafa geht.
„Es ist total ungewohnt dich hier zu sehen“ Meinte ich leicht geistesabwesend mehr zu mir selbst. Rafa fühlte sich aber angesprochen, er sah zu mir rüber und zog seine Augenbrauen hoch. „Wieso? Du solltest dich inzwischen an den Schock gewöhnt haben mich früh als erstes zu sehen“ Woher wusste ich nur das er es garantiert anderes auffasst als ich es meine? Außerdem weiß er schon seit längerer Zeit das er gar nicht erst in mein Bett kommen würde wenn mich das stören würde. „Du würdest jetzt gar nicht hier liegen wenn es mich stören würde aber so meinte ich das auch gar nicht“ “Wie dann?“ Darauf habe ich nur gewartet, jetzt will er es wohl ganz genau wissen.
„Na ja als du das letzte Mal hier warst, war es Dezember. Ich hätte damals nie gedacht das es über ein halbes Jahr dauern würde bis du wieder hier bist“ “Das ich jetzt hier bin ist auch ein Wunder. Ich meine so kurz vor einem Masters Turnier geht das eigentlich nicht das ich das Wochenende vorher nicht trainiere“ “Aber?“ Fragte ich jetzt mich hochgezogenen Augenbrauen. „Ich hatte sowieso nicht vor Berlin unbedingt gewinnen zu wollen. Wäre zwar schön gewesen aber mir sind die US Open wichtiger. Jetzt ist es ja sowieso egal“ So ein leicht fahler Nachgeschmack blieb da schon bei mir. Das klingt ja so als wäre er nur hier weil es eben am Weg lag, streng genommen ist es auch so. Mir ist klar das ich die zweite Geige spiele und er seine Karriere ganz oben anstellt. So lange er das aber nicht allzu deutlich raushängen lässt, kann ich damit leben.
„Dann kann ich mich ja bei Toni bedanken, das er dich hier her kommen lassen hat“ Meinte ich dann mit einem ernüchterten Gesicht. Das Lächeln war Rafa inzwischen auch vergangen und er drehte sich auf die Seite um mich zu umarmen. „Ich mache das nicht absichtlich aber ich kann es nicht ändern“ “Ich weiß, wird dir das denn nie zu viel das dein Leben total verplant wird? Es sind ja nicht nur die Turniere, es ist ja fast jeden Tag irgendwas und ständig kommen neue Verpflichtungen dazu“ “Klar stört es mich manchmal das ich nie selbst entscheiden kann. Durch Verträge mit allen möglichen Leuten und Firmen kann ich gar nicht nein sagen. Ich kann aber ja bis maximal Anfang 30 spielen, vielleicht weniger daher versuche ich das Maximale rauszuholen so lange es geht. Ich könnte ja auch eine schlimmere Verletzung haben das ich schon viel eher meine Karriere an den Nagel hängen muss und danach habe ich immer noch Zeit zum entspannen. Auf ewig will ich das stressige Leben mit Sicherheit nicht“ Klingt zu schön um wahr zu sein nur kann ich mir davon jetzt auch nichts kaufen.
Die nächsten sechs, sieben Jahre gehen für Rafa mit Sicherheit so weiter wenn nichts dazwischen kommt. „Aus dem Grund wollte ich auch nach Porto Cristo, damit ich dich wenigstens ab und zu mal sehen kann“ “Weiß eigentlich irgendwer von den Plänen?“ “No, von dir abgesehen niemand“ Es war ein bisschen erschreckend das es noch niemand wusste. „Wann willst du es deinen Eltern sagen?““Ich dachte heute Abend weil ich dich dabei haben will“ “Hältst du das für eine gute Idee?“ Ja, ich kann die Skepsis von Rafa verstehen, mir war das selbst nicht ganz geheuer. Ich denke zwar das sie nichts dagegen haben werden aber so genau kann man das nie vorher wissen. Wenn Rafa dabei ist, werden sie mit Sicherheit nichts unangebrachtes sagen. „Die werden es schon überleben, Sara wird interessanter. Ich traue mich gar nicht ihr das zu sagen“ “Besser wär's wenn du sie nicht vor vollendete Tatsachen stellen willst“ “Genau so ist es doch, die Würfel sind schon lange gefallen, sie kann es nur hinnehmen oder nicht. Damit das sie ausflippt rechne ich aber daher warte ich den passenden Moment ab. Mir ist klar das es noch eine Weile hin ist bis Weihnachten aber ich kann es sowieso nicht lange für mich behalten“
Das grinsen von Rafa war indessen zurückgekehrt. „Du wirst es nicht glauben aber ich bin wirklich gespannt was sie sagt. Mir kommt es so vor als wenn sie ein wenig durchgeknallt ist“ “Das kommt dir nicht nur so vor, wir können sie ja erstmal über Berlin aufklären und ihr einen Besuch abstatten“ Meinte ich und musste selbst lachen. „Gut aber sage ihr nicht das ich mitkomme, ich will sehen wie sie erschrickt“ “Du bist gemein!“ Versuchte ich ernst zu sagen aber Rafa konnte sich gar nicht mehr halten vor lachen und irgendwie gefiel mir die Idee auch.
Wir frühstückten entspannt und machten uns dann auf den Weg zu Sara. Gemeldet hat sie sich noch nicht und da ich denke, dass sie schon unzählige Male bei mir angerufen hätte wenn sie wüsste das Rafa gar nicht spielt, ahnt sie wohl noch nichts böses. Sie ahnt bisher ja auch noch nicht, das Rafa gleich in ihrer Wohnung stehen wird. In Ohnmacht fallen wird sie schon nicht gleich und Rafa tut ja nix, er amüsiert sich nur köstlich darüber wie die Leute erschrecken wenn sie ihn sehen. Wir klingelten an der Haustür und ich ließ sie in dem Glauben das ich alleine bin also dachte sie wohl nichts weiter und drückte am Türöffner das wir ins Haus können.
„Sie denkt ich bin alleine“ Meinte ich feixend und konnte mir die Vorfreude auf ihr Gesicht wenn sie Rafa sieht nicht verkneifen. „Vielleicht hättest du sie doch vorwarnen sollen...“ “Sie weiß doch das du hier bist dieses Wochenende, das ist doch Vorwarnung genug außerdem wolltest du doch das ich nichts sage“ Rafa rollte nur mit den Augen aber etwas anderes konnte er jetzt auch nicht mehr tun. Wir standen kaum vor der Tür, als Sara von innen öffnete und mich breit anlächelte. Damit war es aber vorbei als sie Rafa hinter mir entdeckte. Ich musste mir ein feixen verkneifen weil sie so ein geschocktes Gesicht zog. Man müsste denken sie gewöhnt sich irgendwann mal daran ihn zu sehen. Sie versuche sich nichts anmerken zu lassen, was ihn nur bedingt gelang. Für Außenstehende war es vielleicht überzeugend aber ich kenne sie ja, sie hat wohl eben einen Puls von 180.
„Hättest du nicht sagen können das er mitkommt?“ Fragte sie leise als sie direkt neben mir stand. „Ich wusste nicht das du ihn nicht sehen willst“ Gab ich nur unschuldig zurück und verstand die Aufregung nicht. Ja, gut ein bisschen kann ich sie verstehen, es ist doch der Traum aller Fans das Rafa plötzlich vor der Tür steht. „Das schon aber du weißt noch nicht das ich ein Poster von Wimbledon im Wohnzimmer hängen habe. Es ist etwas... sagen wir groß“ Was meinte sie denn damit? Das muss dann neu sein denn ich konnte mich nicht an sowas erinnern. Das es ihr peinlich ist, belustigt mich aber doch. Rafa wird ihr nicht den Kopf abreißen, schlimmstenfalls denkt er das sie verrückt ist und in der Pubertät stecken geblieben ist aber er denkt ja sowieso schon das sie durchgeknallt ist. Da muss sie jetzt aber durch wenn wir nicht im Flur stehen bleiben sollen. Ich war schon ein bisschen gespannt als wir ihr nachliefen, ihr Gesicht nahm eine leicht rote Färbung an und Rafa sah so aus als wenn er sich fragen würde wieso. Zwar wollte ich sie nicht in Verlegenheit bringen aber jetzt ist es zu spät. Als wir endlich mal im Wohnzimmer waren, musste ich mir ein lautes Lachen verkneifen.
Zwar habe ich nicht gedacht das sie Witze machte als sie von dem Poster erzählte aber es war wirklich groß. Von der Decke bis zum Boden um genau zu sein, man sollte es Tapete nennen. Da frage ich mich wo sie das her hat, muss doch extra für sie angefertigt worden sein. Mein Blick wanderte zur Seite und Rafa schien auch Probleme zu haben keinen passenden Spruch zum besten zu geben, er versuchte ernst zu bleiben, mit mäßigem Erfolg. Sara zappelte nervös rum und schien zu beten, dass jemand was sagt um das Thema zu wechseln. „Ja also eigentlich sind wir nicht hier um deine Wohnung zu bestaunen. Ich weiß nicht ob du es schon gehört hast aber mit Berlin wird das wohl nichts werden...“ Ihr Gesicht wurde immer ernster je mehr ich sagte. Eigentlich war jetzt die Stelle das sie fragt wieso aber sie starrte nur abwechselnd zwischen mir und Rafa hin und her. „Rafa fliegt zwar hin aber nicht wie geplant am Dienstag sondern am Montag früh. Da ich dich nicht länger auf die Folter spannen will sage ich es einfach direkt. Es gibt am Montag eine Pressekonferenz wo er verkünden wird das er nicht spielt und dann fliegt er zurück nach Hause“ Sie sah mich an als hätte ich gerade verkündet das ich mit Rafa auf den Mond auswandern will. „Was?“ Fragte sie nach ein paar Sekunden und schnappte dabei hektisch nach Luft.
Ihre Verlegenheit von eben war einem fassungslosen Gesicht gewichen. Ich konnte ihre Gedanken schon lesen, sie sah zwar zu Rafa, sagte aber nichts. Mir schoss auch gleich durch den Kopf das er gar nicht so krank aussieht als er mir davon erzählt hat aber die Verletzungen die Rafa so zu haben pflegt, sind allesamt unsichtbar. „Was ist es dieses mal?“ Fragte sie dann aber doch mit einem nicht zu überhörenden Unterton, ich bin ja auch enttäuscht. „Handgelenk, eine Verletzung aus dem Training. Ist nichts schlimmes aber die US Open stehen vor der Tür“ Meinte ich nur und zuckte mit den Schultern. Rafa verstand zwar nichts aber er wird sich denken können was los ist. Er zog ein Gesicht als wenn er sich davor fürchtet, das wir unseren Frust gleich an ihm auslassen. Eigentlich sieht er gut aus wenn er so ein verlegenes Lächeln zieht nur half uns das jetzt auch nicht weiter.
„Willst du trotzdem nach Berlin?“ Fragte sie nachdem wir alles ausführlich besprochen hatten. „Ich weiß nicht, was sollen wir da machen?“ “Gute Frage, ich weiß nicht mehr was ich da machen soll, ich kenne die Stadt auswendig“ Meinte sie und zuckte dann mit den Schultern. „Wenn du lieber nach Mallorca willst das Wochenende habe ich auch kein Problem damit. So teuer waren die Tickets ja nicht, dann machen wir nichts und fliegen einfach nicht. Ist eben dumm gelaufen“ Wenn sie auch nicht unbedingt nach Berlin will, bringt es ja wirklich nichts. Da kann ich auch nach Mallorca fliegen statt nach Berlin.
“Bist du nächstes Wochenende zu Hause?“ Fragte ich Rafa der etwas überrascht schien das ich ihn ansprach, er war wohl eben dabei das Wohnzimmer zu betrachten. „Sí, ich bin bis Ende der ersten Augustwoche zu Hause“ “Er ist bis Anfang August zu Hause“ Übersetzte ich für Sara und überlegte derweil was ich mache. Es wäre kein Problem nach Mallorca zu fliegen aber ich hätte schon ein schlechtes Gewissen die Flüge nach Berlin einfach so verfallen zu lassen. Umbuchen geht aber ja nicht, es scheint keinen Ausweg zu geben. „Hast du nicht so eine Vielfliegerkarte? Kann man da nichts machen wenn du da anrufst?“ Gut, auf die Idee war ich noch nicht gekommen. Ich hatte schon etliche Meilen gesammelt aber es würde mich wundern wenn das ausreicht das die mir entgegen kommen, es ist ja nicht so das ich die Millionen Meilen Grenzen überschritten hätte. „Ich kann's versuchen aber wenn die nicht einlenken, lassen wir es eben“ Sie warf einen kuren Blick zu Rafa und sah mich dann verschwörerisch an.
„Und Carlos Costa kann da auch nichts machen?“ Ich war etwas erstaunt wie gerissen Sara ist. Die Idee Costa das Problem lösen zu lassen kam mir noch gar nicht. Jetzt wo sie es sagt, er findet sicher einen Weg das zu lösen aber ich will nicht, das ich nur Rafa und Costa zu verdanken habe das die blöde Airline einlenkt. „Ich will nicht so viele Leute mit reinziehen, so teuer waren die Flüge doch nicht, der Aufwand lohnt sich nicht“ “Ja gut, stimmt auch wieder, war nur eine Idee, vergiss es gleich wieder“ “Gut, dann bleibt es dabei das wir nicht fliegen“ “Ja, endgültig“ Gut, das wollte ich ja nur hören. Ob ich nächste Woche nach Mallorca fliege oder nicht kann ich ja später mit Rafa noch klären.